Full text: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

die der echte Ausdruck des Volkswillens wäre und das Vertrauen des Landes 
besäße. Das große Problem der modernen Demokratien ist aber, wie das Par- 
lament zu organisieren und der Regierung Wirksamkeit und Beständivkeit 
zu verleihen sei. Dieses Problem muß man unbedingt lösen, wenn die par- 
lamentarischen Formen nicht entarten und daraus Gefahren für die Fort- 
dauer der freien Verfassungen selbst entstehen sollen. Es ist schwierig, Lö- 
sungen allgemeiner Art vorzuschlagen, da jedes Land sich seine Volksver- 
tretung nach seiner Tradition, Volksart und seinen besonderen Verhältnissen 
schaffen muß. 
Ein anderes Problem, welches die Fortdauer der Freiheit und der Demo- 
kratie selbst betrifft, ist das der wachsenden Beteiligung der Arbeiter an den 
sozialen Kämpfen und am politischen Leben. Mit anderen Worten, es muß 
sich zeigen, ob die Freiheit nach jahrhundertelangem Kampfe gegen die ab- 
solute Macht, nun auch gegen die vereinigte Macht der Arbeitergenossen- 
schaften, die zum Sozialismus neigen, ankämpfen wird. 
Es ist nicht zu leugnen, daß die liberale Partei in fast allen Ländern lange 
mit bedauernswerter Gleichgültigkeit alle Arbeiterprobleme behandelt und 
erst unter dem Druck der Volksbewegungen und des aufsteigenden Sozialis- 
mus ihr Verfahren geändert hat. Die konservativen und liberalen Parteien 
treiben aber auch heute noch oft eine negative soziale Politik. Seit der einzelne 
Industrielle nicht mehr dem einzelnen Arbeiter gegenübersteht, sondern große 
Kapitalisten- Verbände gegen große Arbeiterverbände, seit die Grundsätze der 
sozialen Einheit den alten Individualismus durchdrungen haben, ist Gleich- 
gültigkeit nicht mehr am Platze. 
Der Zusammenschluß der Demokraten und Liberalen mit den Arbeiter- 
parteien ist in den Ländern mit starkem Bürgertum und zahlreich vertretenen 
gebildeten Mittelschichten stets leichter als bei rückständigen Völkern, In 
den Ländern, wo neben ausgedehnter Landwirtschaft industrielle und kom- 
merzielle Mittelschichten und freie Berufe in Interessengemeinschaften fest 
organisiert sind, müht man sich um die Erhaltung des sozialen Gleichge- 
wichts, so daß für die Freiheit nichts zu befürchten ist. Zwischen dem Prin- 
zip der Freiheit und dem grundlegenden Prinzip der Arbeiterpolitik, das sich 
in großen Gewerkschaften äußert, besteht kein unüberbrückbarer Gegensatz. 
Die Arbeit, nicht nur als wirtschaftliches Element, sondern vor allem als 
moralisches Prinzip betrachtet, strebt allein nach einer größeren Aktivität. 
Können nun die Mittelschichten, das große arbeitende Bürgertum, .die 
Arbeiterschaft und die Gewerkschaften ihren Zielen einmütig nachstreben 
und mächtige, widerstandsfähige Demokratien bilden ? 
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