Full text: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

schwieriger ıst es aber, die Beleidigungen der Ehre zu vergessen. Wenn mein 
Nachbar mit mir in wirtschaftlichem Zwiespalt lebt und dieser zu langem 
und schlimmem Streit führt, so kann dies alles durch eine Versöhnung getilgt 
werden. Wenn ich aber meinen Nachbarn in der Ehre, in der Würde, im 
Gefühl verletze, wird er dies nie vergessen. 
Wenn wir nach dem Kriege immer noch sagen, daß alle Verantwortung: 
nur auf Deutschland fällt, daß alle Greuel nur von den Deutschen be- 
gangen wurden, daß nur die Deutschen eine Gefahr für den Frieden bedeuten, 
wenn wir sagen, daß die Deutschen die neuen Hunnen, die Boches, die Feinde 
der Zivilisation seien und der Rhein die Grenze der Zivilisation ist, erregen 
wir die Gemüter, und man wird diese Beschimpfungen nie vergessen, selbst, 
wenn sich unser Betragen ändert. Andererseits reagiert die deutsche Presse, 
vor allem die nationalistische, oft mit noch größerer und bedauernswerter 
Heftigkeit. 
Im Frieden kommen die Worte vor den Taten und die Gefühle vor den 
Worten. Ich habe nie die Wichtigkeit der Verträge von Locarno überschätzt, 
umsomehr als man nachher im Völkerbunde durch eine Folge beklagens- 
werter Irrtümer zur Minderung ihrer Wirkung das Möglichste getan hat. 
Aber das Wichtigste an ihnen ist nicht die Tatsache, sondern das Gefühl, aus 
dem sie entstanden sind, und noch mehr ihr Einfluß auf die Redeweise. 
Die heutigen Schwierigkeiten in den siegreichen europäischen Staaten ent- 
springen weniger aus den Verlusten des Krieges als aus denen, die durch die 
Störung des Gleichgewichts und durch den Mangel an Einigung zwischen 
den Völkern Europas verursacht wurden. Die Produktion allein genügt nicht; 
jedes Land ist auf Güteraustausch angewiesen, d.h. auf die Produktion an- 
derer Länder. Wie jeder Nationalismus wetteifernde Nationalismen verur- 
sacht, ruft jedes Schutzzoll-System neue Schutzzoll-Systeme hervor. 
Der ganze europäische Kontinent ist zum Schuldner geworden, ja es wird 
von vielen Seiten sogar behauptet, daß nur das Eingreifen Amerikas Europa 
wiederherstellen könne. Dieses Eingeständnis der Schwäche ist wirklich de- 
mütigend. Niemals gab es in der Geschichte einen so großen und allgemeinen 
Zusammenbruch wie der nach dem europäischen Krieg von 1914/1918. 
Hat Amerika ein Interesse an der Wiederherstellung Europas? Ich glaube, 
diese Frage ist zu bejahen? Aber Amerika hat ein noch größeres Interesse 
daran, nicht in die Angelegenheiten Europas einzugreifen, ehe ein sicherer 
Frieden wiederhergestellt ist. Es gibt politische Interessen, die bei weitem die 
wirtschaftlichen übersteigen, und diese können nicht gewahrt werden, so 
lange der Frieden auf so schwacher Basis ruht. Europa ist und wird auf lange 
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