Full text: Bolschewismus, Fascismus und Demokratie

vi. 
Es gibt keine nationalistische Lehre, wohl aber gibt es Äußerungen des 
Nationalismus und nationalistische Programme. Diese erinnern im allge- 
meinen an das preußische Junkertum. Die Ideen, die heute von den franzö- 
sischen und vor allem von den italienischen Nationalisten proklamiert werden, 
gleichen sehr, wenn nicht völlig, jenen des deutschen Militarismus vor dem 
Kriege. Man findet dieselben Worte, dieselben Gefühle und vor allem die- 
selben Gesten wieder. 
Die Schriften der französischen Nationalisten, Barres, Bourget und vor 
allem Maurras und Daudet, die von den Nationalisten anderer Länder, zumal 
den italienischen übernommen wurden, sind vom literarischen Standpunkt 
aus sehr interessant und zeigen bedeutende Schriftsteller. Aber in anderen 
Sprachen nachgeahmt und oft schlecht nachgeahmt, verlieren sie jede künst- 
Jerische Schönheit und erhalten, besonders durch die italienischen Natio- 
nalisten, eine beschämende geistige Dürftigkeit. In den Kritiken der französi- 
schen Nationalisten gibt es aber beachtenswerte Bemerkungen. 
Die angesehensten belgischen Katholiken haben sich gegen die Lehre des 
Nationalismus erklärt, welche die Grundlage selbst der religiösen Moral ver- 
neint und die Religion als politisches Machtmittel brauchen will. Als Ge- 
sinnungsäußerungen sind interessant die Schriften der bedeutendsten Katho- 
liken, gesammelt und veröffentlicht unter dem Titel: „Ch. Maurras maitre 
de la jeunesse catholique.‘““ Ich habe weniges über die Irrtümer des Natio- 
nalismus gelesen, was mir größeren Eindruck gemacht hätte als diese Schrif- 
ten der belgischen Katholiken. Es ist charakteristisch für Belgien, daß viele 
der sogenannten Liberalen (lucus a non lucendo) eine gewisse Neigung für 
den Nationalismus und sogar für den Fascismus haben, während Katholiken 
und Sozialisten gleiches Mißtrauen bezeigen. Nach der Meinung vieler an- 
gesehener belgischer Schriftsteller zeigt sich der Nationalismus (und also 
mehr noch der Fascismus) nur aus politischen Gründen als Verteidiger der 
katholischen Kirche. Aber seine Lehre ist nicht das Credo, sondern eine Art 
politischen Kompromisses. Nach der Ansicht eines bedeutenden katholischen 
Schriftstellers sind die Prinzipien des Nationalismus ähnlich denen des Gene- 
rals Ludendorff, ja noch unchristlicher; sie nähren eine amoralische poli- 
tische Einstellung und haben einen unheilvollen Einfluß auf die Jugend. 
„Ein junger Nationalist‘“ — schrieb ein angesehener Universitätsprofessor — 
„ist stets »angeleuse, pointu, piquant, tranchant« (eckig, spitz, stechend, 
schneidend). Wo die Nationalisten auftreten, zerstören sie das Werk der Ka- 
tholiken. Praktisch kann man die Frage so stellen: Anerkennt die Kirche oder 
A
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.