Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

118 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
war eine ganz begründete Stimmung insofern, als man sich 
jetzt auf eine regierungsseitig glänzende Durchführung des 
Konflikts gefaßt machen konnte. 
In der Tat gewann Bismarck der Lage rasch und durch⸗ 
greifend eine neue Ansicht ab. Er stärkte sehr bald das Selbst— 
bertrauen des Königs, der schon seine Abdankung ins Auge 
gefaßt hatte. Er entwickelte eine neue, angeblich konstitutionelle 
Theorie von drei gleichberechtigten Faktoren der Gesetzgebung 
auch in Finanzsachen. Nur in England sei das Unterhaus in 
Finanzbewilligungen allein maßgebend; in Preußen dagegen sei 
es nur einer der verfassungsmäßigen Faktoren neben Herren— 
haus und neben Regierung. Nun seien aber Herrenhaus und 
Regierung in der Bewilligung der Kosten der Heeresreform 
einig. Komme nun bei dieser offenbaren Mehrheit wegen der 
Renitenz des Abgeordnetenhauses gleichwohl kein Finanzgesetz 
zustande, so entstehe eben eine Lücke in dem konstitutionellen 
System. Diese auszusüllen sei aber Sache der Regierung, da 
die Aufgaben der Regierung im Interesse des Landes ja doch 
niemals ruhen könnten. Und diese Lücke könne im vorliegenden 
Falle natürlich auf keine andere Weise ausgefüllt werden, als 
—D000 der Heeresreform. 
Es gelang Bismarck, den König von dieser bedenklichen 
Theorie wenn nicht zu überzeugen, so doch zu ihr zu über— 
rebden. Und so begann er denn ruhig zu regieren und die 
Steuern weiter zu erheben, auch für die Heeresreform, trotz der 
Weigerung des Abgeordnetenhauses. Und da das Land, ab⸗ 
gesehen von der parlamentarischen Opposition und einer un⸗ 
geheuren Aufregung in Presse und Vereinen, ruhig blieb und 
Steuerverweigerungen selten vorkamen, so schien es, als wenn 
sich dieser Zustand unter Umständen lange werde halten lassen. 
Er blieb auch 1862 bestehen, und selbst 18683 hielt er noch an, 
obgleich im Oktober 1863 erneute Wahlen eine noch stärkere 
ↄppositionelle Mehrheit im Abgeordnetenhause gebracht hatten.
	        
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