Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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bänden. Das wichtigste Resultat des Kongresses ist die Bildung 
eines internationalen Komitees mit der Aufgabe, „die gemeinsamen 
Interessen der Industrie zu überwachen und die Vereinigungen von 
Baumwollindustriellen in Kenntnis zu halten, wie gegen eine ihnen 
gemeinsam drohende Gefahr im Interesse aller vorzugehen sei“ 1 ). 
Eine solche internationale Organisation setzt, wie der betreffende 
Referent, Herr Macara, der Präsident der größten, obengenannten, 
englischen Spinnervereinigung, nahelegte, eine starke, d. h. große 
und kapitalkräftige Organisation in den einzelnen Ländern voraus. 
Mit der Zustimmung Deutschlands zu diesem Beschluß haben die 
deutschen Spinner also gleichzeitig die Verpflichtung übernommen, 
eine solche straffe Organisation unter sich zu schaffen. So 
erfreulich eine internationale Regelung der Frage an und für sich 
sein mag, so darf man auch nicht außer acht lassen, daß die Ver 
hältnisse in dem einen Lande doch ganz andere sind als in dem 
andern. Das Komitee wird voraussichtlich vorkommendenfalls mit 
Produktionseinschränkungen Vorgehen; nicht jede Unternehmung ist 
aber in derselben glücklichen Lage wie die andere, nur die kapital 
kräftige Spinnerei kann das ohne Bedenken durchführen. Auf dem 
Kongreß selbst erlebte es Herr Macara, als er den Vorschlag einer 
allseitigen Betriebseinschränkung machte, um die amerikanische Spe 
kulation abzuschrecken, daß die deutschen und österreichischen Spinner 
ihm die Gefolgschaft weigerten. Es ist daher nur zu wünschen, daß 
die Zusammensetzung des Komitees der Stimmenzahl nach, die auf 
die Vertreter entfällt, der Verschiedenheit der Verhältnisse Berück 
sichtigung zuteil werden läßt und vor allem nicht England allein von 
vornherein die Majorität zusichert. Für Deutschland muß es daneben 
unbedingt eine Hauptaufgabe bleiben, den Baumwollanbau zu fördern 
in Gegenden, die von der amerikanischen Spekulation unabhängig 
sind. Für uns kommen als solche in Betracht Westafrika, Ostafrika, 
Kleinasien und Brasilien, das sind Gegenden, die uns als Kolonien 
gehören oder in denen wir hervorragende wirtschaftliche und Handels 
interessen haben. Sehr rührig ist in dieser Beziehung das kolonial 
wirtschaftliche Komitee, dessen deutsch-koloniale Baumwollunterneh- 
mungen durch die Kaiserliche Regierung, die Textilindustrie und eine 
Wohlfahrtslotterie zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete unterstützt 
werden. Am meisten Erfolg versprechen die Unternehmungen in 
Togo und Deutsch-Ostafrika. Bedeutungsvoll für die weitere Aus- i) 
i) Offizieller Bericht der Verhandlungen des ersten internationalen Kongresses der 
Delegierten von Verbänden von Baum Wollspinnern und Baumwollindustriellen. Manchester 
1904, S. 72.
	        
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