Die Bedeutung des Distributionsproblems. Die Fragestellung 123
der Güter unter die verschiedenen Gesellschaftsklassen erfolgt;
welches sind die Gesetze des Profits, der Rente, des Arbeitslohns;
in was für einem Verhältnis stehen diese Kategorien zueinander,
wovon hängt in jedem gegebenen Augenblick ihre Größe ab; welches
sind die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung, die
diese Größe bestimmen? Dies sind die Grundfragen, die die
Distributionstheorie sich stellt. Wenn die Werttheorie das
umfassende Grundphänomen der Warenproduktion analysiert,
so hat die Verteilungstheorie die antagonistischen sozialen
Phänomene des Kapitalismus, des Klassenkampfes, zu analysieren,
der neue spezifische, der Warenwirtschaft als solcher
zukommende Formen annimmt. Wie dieser Klassenkampf seine
kapitalistische Formulierung gewinnt, mit anderen Worten, wie
sich dieser Kampf in der Form von ökonomischen Gesetzen kund
tut — dies zu zeigen ist eben die Aufgabe einer Theorie der kapitalistischen
Verteilung*. Freilich, bei weitem nicht alle Theoretiker
fassen so die Aufgaben einer Verteilungstheorie auf. Schon
in der Aufstellung des Problems lassen sich zwei Grundrichtungen
erkennen. „Es gibt hier — schreibt einer der neuesten Forscher
auf diesem Gebiete, N. Schaposchnikow — zwei diametral
verschiedene Standpunkte, von denen nur einer richtig sein
kann*.‘“ Der Unterschied ist der, daß die eine Gruppe der Oekonomisten
die Entstehung des sogenannten „arbeitslosen Einkommens‘‘
durch die ewigen und ‚natürlichen‘ Bedingungen des
menschlichen Wirtschaftens zu erklären sucht, die andere sieht
in ihnen dagegen die Folge der besonderen historischen Verhältnisse
oder, konkret gesprochen, das Ergebnis des Privatbesitzes
an Produktionsmitteln. Doch kann dem Problem eine weitere
umfassendere Formulierung gegeben werden, denn erstens handelt
es sich nicht nur um „arbeitsloses Einkommen“, sondern
auch um „Arbeitseinkommen“‘‘ (der Begriff des Arbeitslohns ist
z. B. ein Korrelatbegriff zu dem des Profits, er steht und fällt
mit diesem letzteren); zweitens kann man die Frage über die
Verteilungsformen überhaupt stellen, d. h., nicht nur die Formen
Me Struve macht aus der Schwierigkeit der Aufgabe ihre Unerfüllbarkeit.
Siehe seine Artikel: „Zur Kritik der Grundbegriffe... der politischen Oekonomie‘“
in der Ztschr. „Schisn“ (russ.), siehe auch N. Schaposchnikow, I. c.
Vorwort. Eine ähnliche wissenschaftliche Skepsis hinsichtlich der Verteilungstheorie
begegnet man bereits bei Bernstein. (Die Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums war zu allen Zeiten eine Frage der Macht und Organisation.“
Wirklich nur? Oder: „Das Lohnproblem ist ein soziologisches Probiem,
das sich niemals rein ökonomisch wird erklären lassen.“ E. Bernstein:
EST und Geschichte des Sozialismus“, 4. Aufl., S. 75, 76, zit. bei Lewin
3 Schaposchnikow I. c. 80.