1. Die Profittheorie
jährlich anwachsenden Mehrwert mit m. Das Jahresprodukt
wird dann in seinem Wert gleich c}+v-+m sein, dagegen wird
der jährlich produzierte neue Wert nur gleich v-+m sein; c wird
überhaupt nicht reproduziert, sondern einfach dem Produkt zugerechnet
und ist selbst nur das Ergebnis einer früheren
Produktion des vergangenen Jahres oder auch vergangener Jahre.
Ein Teil des c „reift‘‘ somit jährlich zum „Gebrauchsgut‘ aus,
doch werden von der Zahl (v4+-m) der Arbeitsstunden c Stunden
jährlich für die Herstellung der Produktionsmittel verbraucht.
Und so sehen wir, daß jeder gegebene Produktionszyklus
gleichzeitig sowohl die Produktion von Produktionsmitteln
als auch von Konsumtionsgegenständen umfaßt, daß man ferner
die Konsumtion nicht auf einen späteren Zeitpunkt zu „verschieben‘“
braucht, daß die Produktion von Produktionsmitteln nicht
den Charakter von einleitenden Operationen besitzt, sondern daß
die Prozesse der Produktion, Konsumtion und Reproduktion ununterbrochen
verlaufen. Die Böhm-Bawerksche Idee von der
Notwendigkeit des ‚„Wartens‘, die den Enthaltsamkeitsideen“*
verwandt sind, hält somit der Kritik nicht stand.
Es bleibt uns noch übrig, die Bedeutung dieser Idee im Zusammenhang
mit der Böhmschen Bewertung der sozialen Natur
des Profits zu erläutern. Oben sahen wir, daß Böhm-Bawerk die
Ursache der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Arbeiter von den
Unternehmern in der Notwendigkeit des Wartens
sieht. „Nur weil die Arbeiter — meint er — nicht warten können,
bis der von ihnen mit Rohstoffgewinnung und Werkzeugbau
begonnene Umweg seine reife Genußfrucht liefert, kommen
sie in wirtschaftliche Abhängigkeit von denjenigen, die die genannten
Zwischenprodukte schon im fertigen Zustand besitzen,
von den ‚Kapitalisten‘.‘“ Doch wie wir bereits wissen, brauchen
die Arbeiter keineswegs zu „warten“, sie können vielmehr, ohne
auf die „reife Genußfrucht‘“ zu warten, ihre „Zwischenprodukte‘
gleich verkaufen und somit die wirtschaftliche Abhängigkeit vermeiden.
Der Kern der Sache besteht gar nicht darin, daß die
Arbeiter mit dem Genuß der Güter „warten‘“ müssen, sondern
eben darin, daß sie gegenwärtig überhaupt keine Möglichkeit
haben, selbständig zu produzieren. [Und
dies aus doppeltem Grund: Erstens ist eine „ganz kapitallose
Produktion‘ in der kapitalistischen Wirtschaft ein tech-34
Ein amerikanischer Vertreter dieser Theorie, Macvane, meinte sogar,
man könne das Wort „Enthaltsamkeit‘“ durch „Warten‘“ (waiting) ersetzen.
Siehe Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins“, Anhang. Er selbst sucht seine
Theorie von der Abstinenztheorie sorgfältig abzugrenzen.
38