Full text : Die politische Ökonomie des Rentners

Allgem. Charakteristik des kapital. Produktionsproz. Die Profitbildung 141
„Wucherische‘ und was als „nichtwucherische‘“‘ Bedrückung gilt:
Irgendwelche Gründe wirtschaftlicher Art vermissen wir
dafür ganz und gar; warum man in dem einen Falle den Arbeitskauf
 als „scheinbar‘, im anderen als „wirklich‘ billig annehmen
 soll, bleibt völlig unklar. Im Falle der „wucherischen
Bedrückung“ vollzieht sich der Tatbestand nach der Böhmschen
Theorie genau so, wie in dem „normalen‘‘ Prozeß der Profitbildung;
 der Unterschied ist nur der, daß im ersten Falle der Arbeiter
 die gegenwärtigen Güter im Vergleich zu den künftigen
beispielsweise um 15 Prozent überschätzt, im zweiten Falle aber
nur um 10 oder 5 Prozent; ein anderer, prinzipieller Unterschied
ist bei Böhm nicht zu finden. Wenn er behauptet, daß die „soziale
 Kategorie‘“ in seinen „Normalfällen‘“ keine Rolle spiele, so
zeigt er nur seine eigene Inkonsequenz, wenn er bei der Erklärung
 der „anormalen Abweichungen“ die Annahme fallen läßt.
Dabei läßt er sich aber von einem sicheren Instinkt leiten: Denn
das Negieren der sozialen Bedrückung, sogar in „anormalen Fällen‘,
 würde offenbar die ganze Theorie ad absurdum führen.
Wir haben die allgemeinen Thesen der Böhmschen Profittheorie
 analysiert, in dem Maße, als Böhm jede Berührung mit
der sozialen Seite der zu deutenden Wirklichkeit zu vermeiden
sucht. Damit wollten wir nur den theoretischen Hintergrund
 beleuchten, auf dem Böhm-Bawerk seine Zeichnungen
entwirft. Dabei ergibt sich, daß die grundlegenden Voraussetzungen
 seiner Theorie entweder im direkten Widerspruch zur
Wirklichkeit stehen (das „Warten‘‘) oder daß das soziale Moment
mühsam verhüllt und eingeschmuggelt wird (die Wertschätzung
der zukünftigen Güter in Abhängigkeit von der Wirtschaftslage
des Schätzenden). Dadurch besitzt — wie Charasoff sagt, „,... die
Arbeit stets weniger Wert... als der gegenwärtige Lohn. Hiermit
wird die Tatsache der Mehrarbeit keineswegs geleugnet, es wird
ihr nur eine logisch unhaltbare Erklärung, oder vielmehr der
Schein einer Rechtfertigung gegeben“°.“ Auch Parvus*! spottet
geistreich hierüber: „Gegenwartswert und Zukunftswert, was
ließe sich damit nicht beweisen?! Wenn jemand unter Drohung
von Gewalttätigkeiten einem anderen sein Geld wegnimmt, was
ist das? Raub? Nein, sollte Böhm-Bawerk sagen, es ist nur rechtmäßiger
 Tausch: Der Räuber zieht den Gegenwartswert des Geldes
 dem Zukunftswert der Seligkeit vor, der Beraubte zieht den
* G. Charasoff: „Das System des Marxismus‘, S. XXII.
u. JB: (Parvus): „Oekonomische Taschenspielerei: Eine Böhm-Bawerkiade‘,
 Neue Zeit, 10. Jahrg., Bd. I, S. 556.
            
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