Full text: error

Zwei Gründe für die Ueberschätzung der gegenwärtigen Güter 149 
genwart vorziehen, selbst wenn wir uns der Schädlichkeit eines 
solchen Handelns bewußt sind; 3. „Die Rücksicht auf die Kürze 
und Unsicherheit unseres Lebens.“ 
Unseres Erachtens ist dieser „zweite Grund‘ ebenso unzutref- 
fend wie der erste. Sofern es sich um eine Wirtschaft handelt, 
besteht auch ein bestimmter Wirtschafts plan, der nicht 
nur die Bedürfnisse der Gegenwart, sondern auch der Zukunft 
berücksichtigen muß. Der Böhmsche Hinweis auf Wilde und 
Kinder kann keinesfalls als Beweis gelten. Welchen Einfluß 
kann die mangelhafte Beschaffenheit unseres Willens, die Lücken- 
haftigkeit „der Vorstellung von der Zukunft“ oder auch „die 
Rücksicht auf die Kürze und Unsicherheit unseres Lebens“ auf 
die rechnerischen Erwägungen des modernen Großindustriellen 
ausüben? Die Wirtschaft hat ihre eigene Logik, und die Motive 
der wirtschaftlichen Tätigkeit, die wirtschaftlichen Erwägungen 
sind ebenso weit von den Motiven der Kinder und Wilden ent- 
fernt, wie der Himmel von der Erde. Geldersparnis, falls sie von 
Vorteil ist, das Abwarten einer Konjunktur, verwickelte Pläne für 
die Zukunft usw. — das sind die charakteristischen Merkmale 
der kapitalistischen Wirtschaft; wenn der Kapitalist auch manch- 
mal mitunter ein „Kind“ ist, so dies doch nur in bezug auf sein 
„Taschengeld“, — bei seinen Hauptwerten aber, in den rein wirt- 
schaftlichen Operationen, geschieht alles nach genauester Berech- 
nung. Darüber äußert sich Wieser ganz mit Recht: „Es scheint 
mir..., daß im Stande der Zivilisation jeder gute Wirtschafter 
und der Hauptsache nach auch alle mittelmäßigen gelernt haben, 
in einer gewissen Beziehung dieser Schwäche der menschlichen 
Natur (der Unterschätzung der künftigen Güter. N. B.) Herr zu 
werden... Die Aufforderung zur Vorsorge ist in dieser Be- 
ziehung eine besonders starke, und es dürfte nicht wunder neh- 
men, wenn sie hier vor allem wirksam geworden wäre!l.“ 
Abgesehen davon geht es sogar vom Böhm-Bawerkschen 
Standpunkte nicht an, zur Erklärung der Entstehung des Kapi- 
talprofits das mit der „Zukunft“ zusammenhängende Risiko 
heranzuziehen, denn, wie Bortkievitz sagt, — „bei der Böhm- 
Bawerkschen Theorie handelt es sich um die Erklärung des Kapi- 
talzinses im eigentlichen Sinne, d. h. des Nettozinses, nicht aber 
u Wieser: „Natürlicher Wert“, S. 17. Siehe auch Bortkievitz: „Kardinal- 
fehler der Böhm-Bawerkschen Zinstheorie‘‘, S. 949: „. . . spricht gegen die 
Böhm-Bawerksche Behauptung, daß eine Neigung zur Unterschätzung des 
Wertes künftiger Güter allgemein verbreitet sei, der Umstand, daß Fälle ent- 
gegengesetzter Art durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören“. Aehnlich 
auch Stolzmann 1. c. S. 308 u. 309.
	        
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