1 Die Profittheorie (Fortsetzung)
dem Häuschen bringt, so wird er, ohne Rücksicht auf die sich
daraus ergebenden Widersprüche mit den wichtigsten Sätzen
seiner eigenen Theorie — nicht müde, immer wieder zu ver-
sichern, daß alle Arbeiter beständig Arbeit finden, daß die Ar-
beitsnachfrage durchaus nicht geringer als das Arbeitsangebot ist
und so der Profit nicht von der Konkurrenz unter den Arbeitern ab-
geleitet werden darf. Hier ein Beispiel für derartige Erörterungen:
„Nur können allerdings die den Käufern ungünstigen Umstände
durch einen regen Wettbewerb der Verkäufer
wieder wettgemacht werden. Sind die Verkäufer auch wenige,
so haben sie dafür desto größere Gegenwartsgüter zu fruktifi-
zieren... Glücklicherweise bilden diese Fälle im Leben die
Regel**.“
Doch lassen wir diese theoretisch sehr wichtigen Mißgriffe
beiseite. Nehmen wir an, daß der Profit dennoch aus dem Kaufe
des zukünftigen Gutes — der Arbeit — entstehe, und betrachten
wir das Geschäft zwischen den Kapitalisten und Arbeitern, wie
es in Wirklichkeit abläuft und wie es sich Böhm-Bawerk vor-
stellt. Und eben hier stoßen wir auf eine Ueberlegung, die alle
Böhmschen Erörterungen überhaupt über den Haufen wirft:
seine Theorie beruht nämlich auf der Voraussetzung, daß der
Kapitalist dem Arbeiter einen Vorschuß gewährt; basieren
doch alle seine Hauptideen darauf, daß die Arbeit allmählich
ausreift und erst nachdem sie den ausgereiften Zustand erhalten
hat, den Profit liefert; die Wertdifferenz zwischen den Kosten
und dem Ertrage resultiert eben daraus, daß die Entlohnung der
Arbeit vor dem Beginn des Arbeitsprozesses statt-
findet, d. h. in Uebereinstimmung mit dem Wert, den die Arbeit
als „Zukunftsgut‘ besitzt. Doch gerade diese Voraus-
setzung ist durch nichts begründet und steht
im Widerspruch zur Wirklichkeit. Vielmehr
ist gerade das Gegenteil der Fall: nicht der
Kapitalist schießt dem Arbeiter den Arbeits-
lohn vor, sondern dieser schießt dem Kapita-
listen seine Arbeitskraft vor. Die Entlohnung findet
nicht vor dem Arbeitsprozeß, sondern nach ihm statt. Diese
Tatsache tritt besonders klar beim Stücklohn zutage, bei dem
der Lohn in Abhängigkeit von der Zahl der fertiggestell-
ten Produktstücke ausbezahlt wird. „Aber das Geld, was der
Arbeiter vom Kapitalisten erhält, erhält er erst, nachdem er
ihm den Gebrauch seiner Arbeitskraft gegeben hat, nachdem
selbe bereits im Wert des Arbeitsproduktes realisiert ist. Der Ka-
4 Ib. S. 575. (Sperrdruck vom Verfasser.)
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