16 Einleitung
tätigkeit; sie wird erst dann, und nur dann unzulässig, wenn das
Abstrahieren von konkreten Merkmalen die Abstraktion selbst
völlig leer, d. h. für die Erkenntnis nutzlos macht.
Die Erkenntnis erfordert die Zergliederung des einheit-
lichen Lebensprozesses. Dieser ist an sich so kompliziert, daß er
zu seiner Erforschung in mehrere einzelne Erscheinungsreihen
zerlegt werden muß. Wohin würde auch die Erforschung der
Wirtschaft führen, wenn man z. B. versucht hätte, gleichzeitig
Elemente in diese Forschung aufzunehmen, die den Gegenstand
der philologischen Wissenschaft bilden — unter Berufung darauf,
daß die Wirtschaft eben von Menschen gestaltet wird, die doch
durch die Sprache miteinander verbunden sind? Es ist doch klar,
daß jede gegebene Wissenschaft die Ergebnisse einer anderen be-
nutzen darf, insofern diese zur Erforschung des betreffenden Ge-
genstandes der Wissenschaft beitragen können; dabei können die
fremden Elemente selbst nur vom Standpunkte der gegebe-
nen Wissenschaft aus betrachtet werden und spielen nur die
Rolle eines Hilfsmittels der Forschung, — und nichts mehr.
Und so führt das Anhäufen von verschiedenartigem Material
eher zur Erschwerung als zur Erleichterung der Erkenntnis. Hin-
zu kommt noch, daß die „psychologisch-sittliche Betrachtung“
der „jüngeren Historiker‘ die Form der moralischen Wert-
schätzungen und Belehrungen angenommen haben. In die Wis-
senschaft, deren Aufgabe es ist, die kausalen Beziehungen
aufzudecken, wird das nicht zur Sache gehörende Element der
ethischen Normen hineingebracht; daher der Name dieser
Schule: „historisch-ethisch‘‘.,
Als Ergebnis der Tätigkeit der historischen Schule erschien
eine Anzahl von beschreibend-historischen Arbeiten: die Geschichte
der Preise, des Arbeitslohns, des Kredits, des Geldes usw.; doch
dadurch kam die Theorie des Preises und des Wertes, die
Theorie des Arbeitslohnes, der Geldzirkulation auch nicht um
® Sehr treffend bemerkt hierzu H. Dietzel: „Genau ebenso gut wie von
einer „ethischen“ Wirtschaftstheorie oder Wirtschaftsgeschichte,
könnte man von einer „ethischen‘ Anthropologie, Physiologie usw. sprechen“
(Theoretische Sozialökonomie, S. 31). Vgl. auch E. Sax: „Das Wesen und
die Aufgaben der Nationalökonomie“, Wien 1884, S. 53. Ebenso verspottet
auch Leon Walras die „Moral‘“ in der Theorie und vergleicht dieses Ver-
fahren mit dem Versuch „spiritualiser la g&ometrie‘“. (L6on Walras: „Etudes
d’&conomie sociale. Theorie de la repartition de la richesse sociale“, Lau-
sanne-Paris 1896, S. 40.)