Full text : Die politische Ökonomie des Rentners

Der historische und der unhistorische Gesichtspunkt 53
Es ist interessant, damit die Definition zu vergleichen, die
Böhm-Bawerk für das Kapital gibt:
„Kapital überhaupt nennen wir einen Inbegriff
 von Produkten, dieals Mittel des Güter:
erwerbes dienen. Aus diesem allgemeinen Kapitalbegriff
löst sich als engerer Begriff der des Sozialkapitals ab.
Sozialkapital nennen wir einen Inbegriff von Produkten, die als
Mittel sozialwirtschaftlichen Gütererwerbes dienen;
oder... kurz gefaßt, einen Inbegriff von Zwischenprodukten”.“

Wir haben es somit hier mit einem völligen Gegensatz der
Ausgangspunkte zu tun. Wo Marx den historischen Charakter
einer gewissen Kategorie als Hauptmerkmal hervorhebt, dort
sehen wir bei Böhm-Bawerk eine Abstrahierung vom historischen
Element; wo es sich bei Marx um historisch-bestimmte Verhältnisse
 zwischen den Menschen handelt, dort treten bei Böhm allgemeine
 Formen der Verhältnisse des Menschen zu den Dingen.
In der Tat, man braucht bloß von den geschichtlich sich verändernden
 Verhältnissen der Menschen untereinander zu abstrahieren,
 dann bleiben nur die Verhältnisse zwischen Mensch
und Natur übrig; mit anderen Worten: statt der sozial-historischen
 die „natürlichen‘‘ Kategorien. Doch ist es klar, daß die
„natürlichen‘“ Kategorien nicht im geringsten die sozial-historischen
 Kategorien erklären können, denn, wie Stolzmann durchaus
 richtig bemerkt, „geben die natürlichen Kategorien nur technische
 Möglichkeiten für die Ausbildung von ökonomischen
Phänomenen**.““
Und in der Tat verläuft der Arbeitsprozeß, der Prozeß der
Gütererzeugung und -verteilung immer in bestimmten geschichtlich,
 verschiedenen Formen, die allein bestimmte sozial-wirtschaftliche
 Phänomene hervorrufen. Es ist doch ein ganz unhalt-°%
 Böhm-Bawerk: „Kapital und Kapitalzins‘, 1909, Bd. II, Teil 1, S. 54
u. 55. Struve, der die Marxsche Schule durchgemacht, vertritt gleichfalls
diesen äußerst oberflächlichen Standpunkt: „Das reine Wirtschaften —
Schreibt er — kennt auch solche Kategorien, wie Produktionskosten, Kapital,
Profit, Rente“ (l. c. S. 17); dabei versteht er unter reinem Wirtschaften „das
ökonomische Verhältnis des Wirtschaftssubjektes zur Außenwelt‘ (ibid.).
Eine feinere Variante von ähnlichen Gedanken nimmt ihren Ausgangspunkt
von Rodbertus, der zwischen dem logischen und dem historischen
Kapitalbegriff unterscheidet. In Wirklichkeit bedeutet eine derartige Terminologie
 eine Verhüllung der apologetischen Töne der bürgerlichen Oekonomisten,
denn ihrem Wesen nach ist sie völlig überflüssig, da man für die „logischen
Kategorien“ einen Terminus hat, wie Produktionsmittel. Ausführliches darüber
weiter unten, bei der Analyse der Profittheorie.
5 R. Stolzmann: „Der Zweck usw.“ S. 131.
            
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