Full text: Die politische Ökonomie des Rentners

56 Die methodologischen Grundlagen d. Grenznutzentheorie u. d. Marxismus 
ment aufgebaut werden, doch kann auch dies nicht die zuvor 
ausgeschalteten Besonderheiten der kapitalistischen Gesellscharıs- 
ordnung erklären. Und so ist die hypothetische „Wirtschaft“, die 
Böhm-Bawerk „aufbaut“, und deren „Gesetze“ er untersucht, 
so entfernt von unserer sündhaften Wirklichkeit, daß sie nicht 
mehr an ihr gemessen werden kann. 
Dies kommt auch den Schöpfern der neuen Richtung einiger- 
maßen zum Bewußtsein. So schreibt z. B. Böhm-Bawerk in der 
letzten Ausgabe seines „Kapital‘: „Insbesondere hätte ich gerne 
eine Lücke ausgefüllt ..., es handelt sich um die Untersuchung, 
was die Einflüsse der sogenannten ‚sozialen Kategorie‘, was die 
aus den sozialen Einrichtungen stammenden Macht- und Gewalt- 
verhältnisse ... bedeuten und vermögen... Dieses Kapitel der 
Sozialökonomie ist noch nicht befriedigend geschrieben wor- 
den... Auch von der Grenzwerttheorie nicht”.“ - 
Man kann freilich im voraus sagen, daß dieses „Kapitel“ von 
den Vertretern der Grenzwerttheorie „befriedigend‘ nicht ge- 
schrieben werden kann, da sie die „soziale Kategorie“ nicht als 
einen organischen Bestandteil der „rein ökonomischen Kategorie‘ 
betrachten, sondern in ihr eine äußere, jenseits der Oekonomik 
stehende Größe sehen. 
Im Gegensatz zu Böhm bemerkt Stolzmann, einer der Ver- 
treter der „sozial-organischen‘“ Methode, auf den wir uns hier 
wiederholt berufen haben: „Der ‚Objektivismus‘ tritt damit in 
ein neues Stadium, er wird nicht nur sozial, er wird ‚historisch‘; 
es bleibt keine Kluft mehr zwischen der systematisch-logischen 
und der historisch-realistischen Forschung, das Arbeitsfeld wird 
für beide gemeinsam, sie haben beide die Erkenntnis der ge- 
schichtlichen Wirklichkeit zum Gegenstand®.“ Doch diese 
Aufgabe, die abstrakte klassische Methode mit dem „Objek- 
tivismus‘“ und dem „Historismus‘“ zu verbinden, wurde bereits, 
und zwar ohne jede ethische Verbrämung, lange vor Stolzmann 
von Karl Mar«x gelöst. 
Und so schreitet auch hierin die „veraltete“ Theorie des Prole- 
tariats allen anderen voran®. 
57 Vorwortzur dritten Auflage des „Kapital und Kapitalzins“, Bd. II, S. XVI 
bis XVII. 
® R. Stolzmann 1. c. Vorwort S. 2. Vgl. damit R. Liefmann 
I. c. S. 5: „die sogenannte soziale Betrachtungsweise ... schon vor einem 
halben Jahrhundert von Karl Marx ... angewandt worden ist.‘ Gleichzeitig 
hebt Liefmann die Besonderheiten der Marxschen Methode durchaus zu- 
treffend hervor. 
5 Stolzmann hält es für notwendig, die sozialen Phänomene als 
Sozial-ethische zu betrachten. Dabei vermengt er die Ethik als Gesamtheit
	        
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