Allgemeines.
lateinisch-amerikanischen Ländern noch niemals gelungen ist
und auch in absehbarer Zeit nicht gelingen wird, da das Kapital
zunächst noch durch Ausländer gebildet wird und deshalb
bei einer Beteiligung an auswärtigen Unternehmungen nicht
als nationales Kapital auf Rechnung des betr. amerikanischen
Staates geschrieben werden hann. Gerade dieser Umstand
erklärt die bisherige Bedeutungslosigkeit und das langsame
Anwachsen der lateinisch-amerikanischen Industrie. Die große
Ausfuhr beschränkt sich auf die reichen Landeserzeugnisse,
wird aber meist von wenigen europäischen Ausfuhrhäusern
besorgt, die im ganzen Lande die ausfuhrfähigen Erzeugnisse
zu möglichst billigen Preisen aufkaufen und zu Weltmarkt-
preisen absetzen. Der Gewinn aus diesen Geschäften, der
in nationalen Händen die Mittel für die Gründung nationaler
Industrien liefern könnte, geht in ausländische Taschen, und
deshalb ist auch die aktive Handelsbilanz dieser Länder nicht
von derselben. Bedeutung, wie sie es sein müßte, wenn -die
Ausfuhr von einheimischen Häusern besorgt würde. Das
jährliche starke Wachsen der Ausfuhr hat seinen Grund in
der. bedeutenden Zunahme der bebauten Flächen und der
Tierzucht infolge der Einwanderung, wodurch eben die Menge
der ausfuhrfähigen Stoffe vermehrt wird. Die Zunahme der
Kaufkraft der Bevölkerung besteht also weniger in einem
Steigen des Wohlstandes des Einzelnen, als in der Teilnahme
einer größeren Anzahl von Menschen an der Produktion, die
unter günstigen Verhältnissen die Produzenten kaufkräftig für
Industrieerzeugnisse macht. Daß dies aber nicht immer der
Fall ist, sondern. daß in verkehrsarmen Gegenden der kleine
Farmer seine Erzeugnisse ohne Gewinn an den Großhändler
ablassen muß, nur um überhaupt verkaufen zu können, wird
eine spätere. Darstellung zeigen. Man darf sich also durch
die sehr. zugunsten der amerikanischen Länder sprechenden
Zahlen der Handelsbilanzen nicht täuschen lassen, sondern
muß, sofern man einen Einblick in den volkswirtschaftlichen
Nutzen der ganzen Entwickelung gewinnen will, möglichst
genau zu unterscheiden suchen zwischen dem, was in die
Taschen der Ausländer geht, und dem, was wirklich dem
Lande zugute kommt. Die Staatskassen haben naturgemäß
von dem starken Anwachsen des Handels, an dem sie durch
die Zölle — Ein- und Ausfuhrzölle — teilnehmen, den größ-
ten Vorteil, weniger der einzelne Staatsbürger.
Auf einen Umstand muß hier noch besonders aufmerk-
sam gemacht werden, wenn der Wert der Handelsbewegung
richtig verstanden werden soll. Sehr häufig ist in der Sta-
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