Full text: Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika

Allgemeines. 
Industrie in den lateinisch-amerikanischen Staaten so langsam 
zunimmt. Die Europäer vermehren die industriellen Anlagen 
dort nur, wo ihnen die Produktion an Ort und Stelle billiger 
zu stehen kommt: als die Einfuhr, sonst steigern sie diese 
derart, daß ein Bedürfnis nach nationaler Industrie nicht auf- 
kommen kann. 
Es muß ‚einigermaßen auffallen, daß bei einer Unter- 
suchung über die Entwickelung der Fabrikindustrie so viel 
von der Rohproduktion die Rede ist; wie aber aus den Aus- 
führungen der früheren Abschnitte hervorgehen dürfte, hängt 
eben im lateinischen Amerika die Fabrikindustrie in ganz anderer 
Weise mit der Verwertung des Bodens zusammen als in den 
alten Industrieländern. Nur wenn der Boden Gewinn ab- 
wirft, kommt Geld unter die Leute und entsteht Kaufkraft. 
Ob diese nun im Ankauf nationaler oder eingeführter Industrie- 
artikel sich äußert, ist an sich gleichgültig; Grundbedingung 
für sie ist der Bodenertrag, und sie könnte nationale Industrien, 
falls solche bestünden, in gewissen Grenzen ebensogut lebens- 
fähig erhalten als die fremde Einfuhr. Man erkennt an solchen 
Erscheinungen so deutlich das Eigenartige in der Wirtschaft 
der lateinisch-amerikanischen Staaten. Diese erzeugen meist 
einen oder wenige landwirtschaftliche Ausfuhrartikel, mit denen 
sie stehen und fallen, Ausfuhr von Industrieerzeugnissen gibt 
es nicht, der Anbau von Nährpflanzen tritt hinter dem der 
Ausfuhrstoffe zurück, von deren Erträgnissen die vielfach vom 
Auslande bezogene Nahrung gekauft werden muß. Eine 
solche Wirtschaftsweise hat ihre sehr bedenklichen Seiten, 
indem eine Mißernte große Not unter die Bevölkerung und 
den Staatskassen starke Ausfälle bringen kann. Diese Ge- 
fahr nimmt aber ab, je mehr‘ die angebauten Flächen sich 
vergrößern. So ist z. B. in einem. Lande wie Argentinien, 
dessen Anbauflächen von den Tropen bis tief in die ge- 
mäßigte Zone hineinreichen, eine völlige Mißernte so gut 
wie ausgeschlossen!). Immerhin kann die lediglich auf die 
Bodenerzeugnisse gegründete Wirtschaft der Staaten unter 
modernen Verhältnissen niemals dieselbe Sicherheit aufweisen, 
die wir in der Wirtschaftsweise der europäischen Länder zum 
großen Vorteil von deren Entwickelung zu finden gewohnt 
sind. Trotzdem aber ist der augenblickliche Zustand des Wirt- 
schaftslebens der lateinisch-amerikanischen Länder unter den 
gegebenen Bedingungen der bestmögliche. Der Anbau und 
die Ausfuhr von Bodenerzeugnissen bringen Geld in das 
1) Vgl. Bericht des K. u. K. Österr.-Ungar. Gen.-Konsulats 
4 O Buenos Aires 1906.
	        
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