Argentinien.
Es hängt mit dem rein fiskalischen und durchaus nicht
volkswirtschaftlichen Charakter der argentinischen Verwaltung
zusammen, daß bei der Regierung ein eigentliches Interesse
für die Bevölkerung nicht vorhanden ist. Solange die Zölle
genügende Erträge für die Staatsausgaben liefern, denkt man
nicht an die Anderung des augenblicklichen Systems, ohne
zu bemerken, daß dieses in der bisherigen Weise nicht mehr
lange durchgeführt werden kann. ‚Wie sehr z.B. durch die
übertriebene Sucht zu exportieren die Viehzucht zurückgeht,
ist schon geschildert, die Einnahmen aus der landwirtschaft-
lichen Ausfuhr werden nicht mehr sehr stark wachsen, wenn
die Landerwerbsverhältnisse sich nicht ändern und neue
Gegenden dem Verkehr erschlossen werden; mit der Abnahme
der Ausfuhr und der Einwanderung werden aber die Geld-
mittel knapper, die Zolleinnahmen geringer und über kurz
Oder lang wird der argentinische Staat sein auf übertriebene
Ausfuhr und durch Spekulation gesteigerte Einfuhr gestütztes
wirtschaftliches Gebäude zusammenfallen und sich vor die
Notwendigkeit gestellt sehen, sicherere Grundmauern auf-
zuführen. Diese können nur bestehen in der Heranziehung
eines leistungsfähigen Mittelstandes durch Einwanderung.
Eine Masseneinwanderung kann nur ein Land aufneh-
men, in dem Landwirtschaft betrieben werden kann, die
immer den Hauptbestandteil der Einwanderer liefert, und
Argentinien böte bei richtiger Ausnützung seiner natürlichen
Verhältnisse alle Bedingungen für die Aufnahme einer sehr
bedeutenden Einwanderung. Aber für eine solche wäre es
nötig, durch eine zweckmäßigere Finanzverwaltung die wirt-
schaftlichen Bedingungen des Landes zu heben und dadurch
unmittelbar zur Valorisation des Papiergeldes und mittelbar
zur Ansammlung von Ersparnissen durch die Einwanderer
beizutragen. Ist einmal dieses Anziehungsmittel gegeben, so
fehlt bei dem guten Klima des Landes nur noch ein günstig
gelegenes Stück Land und die Möglichkeit, kleine Stücke
davon kaufen zu können, um eine starke und dauernde Ein-
wanderung in die Republik zu ziehen. Heute aber befindet
sich, wie schon erwähnt, das Land in den Händen weniger
Grundbesitzer, und es wird deshalb eine Aufgabe der Pro-
Vinzialregierungen, die Einwanderer heranziehen wollen, bilden,
jährlich eine gewisse Summe zum Ankauf von in der Nähe
der Bahnlinien gelegenen Ländereien behufs Weiterverkauf
zu billigen Preisen an Kolonisten.in ihre Etats einzustellen.
Bei der Unmöglichkeit, ein kleines Gut zu kaufen, weiß der
ankommende Einwanderer häufig nicht, wo er Wurzel fassen
Vv. Gemmingen, Entwickelung der Fabrikindustrie. 145
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