Full text: Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika

nn Argentinien. 
c) Staatsfinanzen. 
Sind nun entsprechende Maßregeln für die nächste Zeit 
zu erwarten? Nach allem muß man diese Frage verneinend 
beantworten, und zwar in erster Linie im Hinblick auf die 
Staatsfinanzen und besonders auf die Quellen, aus denen 
die Regierung ihre Einnahmen herleitet, um den sehr rasch 
steigenden Staatsbedarf zu decken, der von 31 Mill. P. G. 
im Jahre 1891 auf 110 Mill. im Jahre 1906 angewachsen ist. 
Die Gründe für diese Vermehrung mögen außer in dem 
Umstande, daß Argentinien unter seiner schwachen nationalen 
Bevölkerung noch wenige gewiegte Finanzmänner besitzt, 
etwa in folgendem liegen: die Kosten der Verwaltung haben 
mit dem Anwachsen der Bevölkerung zugenommen, die öffent- 
liche Schuld ist stark angewachsen, durch die Entwertung 
des Geldes ist das Leben sehr verteuert, der Staat hat die 
Garantie oder die Ausführung kostspieliger öffentlicher Bauten 
übernommen, der Verwaltungsapparat ist zu teuer, die Regie- 
rung und der Kongreß verschleudern Gelder, es besteht 
keine Kontrolle ‘der .Einkünfte und Ausgaben und endlich 
sind die militärischen Ausgaben stark angewachsen). 
Die Betrachtung dieser Punkte im einzelnen wirft ein 
Licht auf die Unsicherheit der Finanzverhältnisse des Landes. 
Sicherlich mußte die Zunahme der Bevölkerung auch eine 
Vermehrung der Verwaltungskosten mit sich bringen, und 
wenn die Einnahmen mit der Vermehrung der Bevölkerung 
wachsen, so ist es klar, daß auch die Ausgaben zunehmen 
müssen, aber doch nur in einem geringeren Verhältnis als 
die ersteren. In Argentinien ist aber der Wert der Zunahme 
der Bevölkerung wirtschaftlich bedeutend überschätzt und 
dementsprechend das Budget vergrößert worden. Aus diesem 
Mißverhältnis ist dann das fortwährende Anwachsen der aus- 
wärtigen Schuld entstanden, die im Jahre 1905 366 Mill. P. G. 
und 80 Mill. P. P., also zusammen über 400 Mill. P. G:, d.h. 
mehr als 1600 Mill. Mark beträgt für eine Bevölkerung von 
etwa 5 Mill. Menschen. Auch die Aufgaben des Staates als 
Garanten oder Unternehmer kostspieliger öffentlicher Arbeiten 
tragen viel zu den großen Ausgaben bei; es sollen Industrien 
ins Leben gerufen, die Einwanderung, der Bau von Eisen- 
bahnen, Kanälen, die Kolonisation der Staatsländereien ge- 
fördert, die Heranziehung fremden Kapitals und die Aus- 
beutung der inneren Hilfsquellen durch Schutzgesetze be- 
') Vgl. Albert Martinez und Maurice Lewandowski: L’Argentine 
au XX. siecle. S. 301 u. f. 
10% 147
	        
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