Argentinien
europäischen Geldmarkt ein größerer Teil des in Argentinien
arbeitenden Kapitals von den Ausländern zurückgezogen
würde. In einem solchen Falle befände ' sich heutzutage
Argentinien in einer völlig hilflosen Lage und es würde sich
mit grausamer Klarheit zeigen, welch geringen Anteil Argentinien
selbst an dem von ihm in fast reklamehaften Anprei-Sungen
verkündeten wirtschaftlichen Aufschwung der Republik
hat und daß dieser mit dem fremden Kapital steht und fällt.
Auch dieser Punkt muß {für die Entstehung einer
nationalen Fabrikindustrie schwer ins Gewicht fallen. Wenn
der Wohlstand des Landes nur auf fremdem Gelde beruht,
für dessen Verbleiben im Lande keineswegs Bürgschaft geleistet.
werden kann, so ist der Einheimische, der sich irgendwelche
Kapitalien verdient hat, nicht leicht zu bewegen, diese
in der unsicheren Gründung einer Fabrik anzulegen, da ein
Zurückziehen großer Summen ausländischen Kapitals Argentinien
vor den finanziellen Zusammenbruch stellt und die
nationale Fabrikindustrie in diesen mit verwickelt würde.
g) Arbeiterfrage.
Nun wäre noch eine letzte Frage zu erörtern, die für
die Entwickelung. der Fabrikindustrie von einschneidender
Bedeutung ist, die Arbeiterfrage. In den europäischen
Ländern mit entwickelter Industrie sind wir gewohnt, auch
eine nationale Arbeiterschaft in den Fabriken tätig zu sehen,
die . nationale Erzeugnisse herstellt, aus der Kasse des
nationalen Fabrikbesitzers ihren Lohn erhält und diesen
wiederum für den Ankauf inländischer Lebensmittel und Industrieartikel
ausgibt. Also ein Kreislauf des Geldes in volkswirtschaftlichem
Sinne. In Argentinien liegen die Verhältnisse
anders. Nicht nur die Fabrikbesitzer sind größtenteils
Ausländer, sondern auch die Arbeiter. Teilweise mag dies
damit zusammenhängen, daß für manche Industriezweige im
Lande gelernte Arbeiter, wie wir sie aus den großen Gewerbebetrieben
in die Fabrikindustrie hinübernehmen konnten, nicht
vorhanden waren und die Gründer von Fabriken sich nach
ausländischen gelernten Kräften umsahen. Wir haben ähnliche
Vorgänge in- Deutschland beobachten können beim
Aufkommen neuer Fabrikationszweige, z. B. in der Porzellanindustrie!),
deren Verbreitung in Thüringen dem Umstande
zu verdanken ist, daß nach dem Aufkommen der Porzellanfabrikation
an einer Stelle diese bei Neugründungen an anderen
') Vgl. Stieda : „Die Anfänge der Porzellanindustrie in Thüringen“,
172 S. 399 u. f.