Wirtschaftliche Entwickelung.
3, Gewerbe.
War in den einleitenden Betrachtungen zu diesem Abschnitt
auch das Gewerbe als einer der kapitalbildenden
Faktoren für die europäische Großindustrie bezeichnet worden,
SO. fehlte im lateinischen Amerika dieser Zweig menschlicher
Erwerbtstätigkeit fast ganz. Wir sehen in Europa den Gewerbeileiß
aufs engste mit den aufblühenden Städten verknüpft,
in deren Mauern von einem zahlreichen tüchtigen
Handwerkerstand die zahllosen Waren verfertigt wurden, die
zur Befriedigung der Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung
an gewerblichen Erzeugnissen dienten, oder von dem
Kaufmann als Handelsartikel weit über die Grenzen. des
Erzeugungsortes oder -landes verbreitet wurden. Wie sollte
aber im lateinischen Amerika dieser für die wirtschaftliche
Entwickelung eines Landes unentbehrliche Stand sich entwickeln?
| Was bei der Eroberung, also zur Zeit einer hohen
Blüte des europäischen Gewerbes, dort vorgefunden wurde,
war die einfachste und ursprünglichste indianische Hausindustrie.
Nur bei den Azteken und Inka wurde eine hoch
entwickelte gewerbliche Kunstfertigkeit vorgefunden, aber mit
dem Untergang dieser Stämme ging auch ihr Gewerbe verloren,
das sich übrigens weniger auf eine sehr ausgedehnte
Herstellung‘ von Gebrauchsgegenständen, als auf eine Art
von Kunstgewerbe erstreckte, dessen Erzeugnisse bei dem
kulturellen Tiefstande der umwohnenden Stämme auf eine
rein Örtliche Verbreitung beschränkt blieben. Da also in der
einheimischen Bevölkerung kein Sinn für die Herstellung von
Gebrauchsgegenständen zur Verbesserung der eigenen Lebenshaltung
und noch weniger für die Herstellung solcher
Gegenstände über das eigene Bedürfnis hinaus zu Erwerbszwecken
vorhanden oder zu wecken war, hätten die Europäer
die Träger der Gewerbeausübung werden müssen und dazu
in den sich allmählich zu Städten auswachsenden Ansiedelungen
auch Gelegenheit gefunden.! Allein hier fehlte gleichfalls der
Sinn für eine solche mühevolle und nicht raschen Gewinn
bringende Tätigkeit. Was nach Amerika kam, waren neben
den Soldaten meist Abenteuerer, ihr Zweck war, teilzunehmen
an dem märchenhaften Reichtum der eroberten Länder und
nicht die‘ Fortsetzung des .kleinbürgerlichen Erwerbslebens
der Heimat. Nebenbei hätte es aber auch der habgierigen
Kolonisierungsweise widersprochen, wenn die neuerworbenen
Gebiete in gewerblicher Beziehung eine gewisse Unabhängigkeit
von den Mutterländern erreicht hätten. Die Kolonien
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