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läßt, ist eine Mißregierung, welche die Volkswirtschaft eines
Landes zugrunde richtet, indem sie deren gesunde Eigen
gliederung und Dauergrundlage langsam zerstört. Eine solche
Volkswirtschaft nährt sich wie eine Schmarotzerpstanze von
fremden Säften. Der uralte, merkantilistische Satz, daß es
besser ist, die eigene Ware mit zwei Talern zu bezahlen statt
die ftemde mit einem, gibt dieser Erkenntnis herrlichen Aus
druck. Unsere individualistischen Theoretiker und Staats
männer haben sich von der Tiefe dieser Weisheit nichts träumen
lassen. Die Listische Lehre von den Produktivkräften und von
der erzieherischen Bedeutung der Zölle, die merkantilistische
Lehre von der Handels- und Zahlungsbilanz und von der Jn-
dustrieförderung, Careys und Dührings Lehre von der De
zentralisation der Erzeugung, Thünens Lehre von der Schich
tung der landwirtschaftlichen Betriebssysteme in Kreisen
(welche eine Entwicklung jeder Kraft an ihrem Orte
fordert!), Adam Müllers Lehre von der Gegenseitigkeit aller
Seiten der Gesellschaft und von der Wichtigkeit der Dauer
gegenüber Augenblicks-Ertragsrechnung — alle diese und andere
Lehrstücke gehen von der stillschweigenden Voraussetzung der
umfassenden Ausgliederungsfülle der Ganzheit „Volkswirt
schaft" aus. Unsere individualistischen Volkswirte und Staats
männer der letzten hundert Jahre haben dafür allerdings nur
ein Lächeln übrig gehabt — zum Schaden des gesamten deut
schen Volkes, das ohne einen solchen wirtschafts- und gesell
schaftstheoretischen Individualismus niemals in die furchtbare
Lage von heute hätte kommen können.
Der wahre Staatsmann und Wirtschaftspfleger erkennt den
großen Reichtum der Gliederungen und Stufen des Wirtschafts
lebens, er erkennt und schützt ihn, nicht nur als ein wirtschaft
liches, sondern zugleich als ein hohes völkisches Gut.