VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 4 161
leren Gewerbetreibenden ihrer Zeit verwandt erscheinen.“ Es
liegt in dieser Schilderung viel Wahres. Wenn Sombart den
mittelalterlichen Kaufmann mit dem Handwerker auf eine Stufe
stellt, so bedeutet das gewiß einen Fortschritt der Erkenntnis
gegenüber den abenteuerlichen Vorstellungen, die Nitzsch und
seine Nachfolger!) einst vertraten. Allein er fällt wiederum ins
andere Extrem, und zwar geschieht dies offensichtlich unter dem
Einfluß seiner Theorie vom Kapitalismus. Er wendet sich (S.161),
an sich mit Recht, gegen die Anjicht derjenigen, die sich jeden
Handel als eine Erscheinungsform. des Kapitalismus vorstellen,
und will zeigen, daß „ebenso wie die gewerbliche Produktion
auch der Handel lange Zeit ohne jeden Anflug von Kapitalismus
bestanden hat: als ebenbürtiger und verträglicher Bruder des
handwerksmäßigen Gewerbes.“ Wie soll es aber möglich sein
zu erweisen, daß der mittelalterliche Händler im wesentlichen nur
„technischer Arbeiter“ war, (S. 175), daß , ich für ihn keine Gelegenheit
zudisponieren, kalkulierenund spekulierenfand“(S.17 6)!
Tatsächlich verhält es sich doch so, daß der Handel seinem ganzen
Wesen nach Verwertung eines Gütervorrats zum Erwerb also
von Anfang an in Sombarts Sinn „kapitalistisch“ ~ ist und von
Anfang an Erzielung eines möglichst großen Gewinns erstrebt?).
Wenn der mittelalterliche Kaufmann mehr als der moderne mit
technischen Verrichtungen, dem „Emballieren“, ,„Detaillieren“
beschäftigt war, so haben wir es hierbei nur mit einem Gradunterschied
zu tun. Der moderne große Kaufmann läßt die technischen
Verrichtungen durch Gehilfen besorgen und kann sich deshalb
auf das Disponieren, Kalkulieren, Spekulieren beschränken. Jm
mittelalterlichen kleinern ist alles vereint. Nicht einmal für die
Kaufleute , die sich innerhalb der Grenzen der Stadtwirtschaft
hielten, gilt Sombarts Schilderung. Er legt ja aber überdies
selbst Wert darauf, daß viele Kaufleute weitergingen (s. oben
S. 443).
1) Vgl. z. B. H. Z. 91, S. 454 Anm. 2 und S. 485 Anm. 1;
oben S. 304 Anm. 1.
2) Fuchs, Volkswirtschaftslehre S. 48.
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