Object: Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer

das Problem der Unorganisierten nicht mehr ausschliesslich deren 
eigene Angelegenheit ist, sondern den Organisierten selbst höllisch 
auf den Nägeln brennt. Die Tatsache, dass die modernsten Gross- 
betriebe zum allergrössten Teil „Non union shops“ sind, bedroht den 
Lebensnerv der Gewerkschaften. Und diese Gefahr ist im Wachsen. 
Selbstverständlich haben die führenden Männer der Gewerk- 
schaften diese Gefahr längst erkannt und sind bemüht, in die Gefilde 
der Unorganisierten einzudringen. Es scheint aber, als ob bei den 
organisierten Berufsarbeitern die Bedeutung dieser Angelegenheit 
noch nicht genügend gewürdigt wird. Das Unternehmertum hat 
sich sehr raffinierte Mittel ausgedacht, um die Gewerkschaften von 
den Grossbetrieben fernzuhalten. Früher hat es mehr als einmal 
offene Vernichtungsfeldzüge gegen die Gewerkschaften geführt und 
dabei auch nach Möglichkeit versucht, die Hilfe der Staatsgewalt 
und bestechlicher Richter in Anspruch zu nehmen. Diese Versuche 
sind gescheitert, und heute hat man sich verfeinerten Methoden 
zugewandt. 
Die neuen Methoden laufen darauf hinaus, den Arbeitern begreiflich 
zumachen, dass sie ohne Gewerkschaften ebensogut und noch besser 
fahren. Dabei haben die Unternehmer aus den Erkenntnissen der 
modernen Arbeitswissenschaft einiges gelernt, nämlich dass die 
Kosten für soziale Betriebseinrichtungen zu den Kapitalanlagen 
gehören, die sich ausgezeichnet verzinsen. Durch Wohlfahrts- 
einrichtungen mannigfacher Art verbessern sie die produktionellen 
Betriebsergebnisse und verschaffen sich obendrein auf billige Art 
den Ruhm sozialen Verständnisses. Sie gehen aber noch weiter 
und versuchen den Arbeitern weiszumachen, dass sie eigentlich 
die wahren Freunde einer industriellen Demokratie sind, die auch 
den Arbeitern ein Mitbestimmungsrecht gibt. Nur dürften sich die 
Arbeiter nicht den Gewerkschaften verschreiben, sondern müssten 
sich betriebsweise mit ihrem Unternehmer zusammentun, um in 
demokratischer Gemeinschaftsarbeit den Betrieb und damit die 
Interessen beider Teile zu fördern. Die Unternehmer schrecken 
nicht davor zurück, nach Art des homöopathischen Heil- und Vor- 
beugungsverfahrens selbst den Arbeitern in kleinen und unschäd- 
lichen Dosen das „Gift“ der Organisation einzuspritzen: sie gründen 
und fördern Betriebsorganisationen, deren Bedeutung uns im 
eigenen Lande an den gelben Werkvereinen hinreichend bekannt- 
geworden ist. In dieser Richtung liegt auch das Einsetzen von Be- 
friebsvertretungen durch die Unternehmer, die ohne die Rücken- 
stütze einer unabhängigen Gewerkschaft von ihrem Brotgeber 
völlig abhängig sind, aber dennoch die Fiktion eines demokratischen 
Betriebssystems hervorrufen. Das Betriebsinteresse wird weiter 
gefördert durch die Ausgabe von Kleinaktien an die Arbeiter. Diese 
erkennen nicht, dass, selbst wenn man nicht verhindern würde, dass 
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