das Problem der Unorganisierten nicht mehr ausschliesslich deren
eigene Angelegenheit ist, sondern den Organisierten selbst höllisch
auf den Nägeln brennt. Die Tatsache, dass die modernsten Gross-
betriebe zum allergrössten Teil „Non union shops“ sind, bedroht den
Lebensnerv der Gewerkschaften. Und diese Gefahr ist im Wachsen.
Selbstverständlich haben die führenden Männer der Gewerk-
schaften diese Gefahr längst erkannt und sind bemüht, in die Gefilde
der Unorganisierten einzudringen. Es scheint aber, als ob bei den
organisierten Berufsarbeitern die Bedeutung dieser Angelegenheit
noch nicht genügend gewürdigt wird. Das Unternehmertum hat
sich sehr raffinierte Mittel ausgedacht, um die Gewerkschaften von
den Grossbetrieben fernzuhalten. Früher hat es mehr als einmal
offene Vernichtungsfeldzüge gegen die Gewerkschaften geführt und
dabei auch nach Möglichkeit versucht, die Hilfe der Staatsgewalt
und bestechlicher Richter in Anspruch zu nehmen. Diese Versuche
sind gescheitert, und heute hat man sich verfeinerten Methoden
zugewandt.
Die neuen Methoden laufen darauf hinaus, den Arbeitern begreiflich
zumachen, dass sie ohne Gewerkschaften ebensogut und noch besser
fahren. Dabei haben die Unternehmer aus den Erkenntnissen der
modernen Arbeitswissenschaft einiges gelernt, nämlich dass die
Kosten für soziale Betriebseinrichtungen zu den Kapitalanlagen
gehören, die sich ausgezeichnet verzinsen. Durch Wohlfahrts-
einrichtungen mannigfacher Art verbessern sie die produktionellen
Betriebsergebnisse und verschaffen sich obendrein auf billige Art
den Ruhm sozialen Verständnisses. Sie gehen aber noch weiter
und versuchen den Arbeitern weiszumachen, dass sie eigentlich
die wahren Freunde einer industriellen Demokratie sind, die auch
den Arbeitern ein Mitbestimmungsrecht gibt. Nur dürften sich die
Arbeiter nicht den Gewerkschaften verschreiben, sondern müssten
sich betriebsweise mit ihrem Unternehmer zusammentun, um in
demokratischer Gemeinschaftsarbeit den Betrieb und damit die
Interessen beider Teile zu fördern. Die Unternehmer schrecken
nicht davor zurück, nach Art des homöopathischen Heil- und Vor-
beugungsverfahrens selbst den Arbeitern in kleinen und unschäd-
lichen Dosen das „Gift“ der Organisation einzuspritzen: sie gründen
und fördern Betriebsorganisationen, deren Bedeutung uns im
eigenen Lande an den gelben Werkvereinen hinreichend bekannt-
geworden ist. In dieser Richtung liegt auch das Einsetzen von Be-
friebsvertretungen durch die Unternehmer, die ohne die Rücken-
stütze einer unabhängigen Gewerkschaft von ihrem Brotgeber
völlig abhängig sind, aber dennoch die Fiktion eines demokratischen
Betriebssystems hervorrufen. Das Betriebsinteresse wird weiter
gefördert durch die Ausgabe von Kleinaktien an die Arbeiter. Diese
erkennen nicht, dass, selbst wenn man nicht verhindern würde, dass
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