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Gründen — in seiner Zinstheorie nicht verwendet, wenn er
schreibt: „Die Idee einer Unterschätzung der Zukunftsgüter
ist nichts Neues und genügt jedenfalls nicht als Grundlage
für eine wirkliche Zinstheorie. Eine solche muß wissen, in
welchem Umfang und von welcher Stärke die Unterschätzung
im wirklichen Leben vorkommt, in welchem Umfange also ein
Zins als Entgelt für das „Warten“ gezahlt werden muß‘“1), Wie
man aber zugleich aus diesen Äußerungen erkennt, argumentiert
hier Cassel weder gegen die Tatsachen, auf die der erste und
zweite Grund aufbauen, noch gegen ihre Verwendung bei der
Zinserklärung, sondern nur gegen die Art und Weise, wie sie
seitens Böhm-Bawerks zur Ableitung der Zinserscheinung
benutzt werden. Seine Einwände sind gegen die Agiotheorie
gerichtet, da er glaubt, durch Ausschaltung einer bewußten
Werttheorie und mit Hilfe der Abstinenztheorie, indem er das
Angebot an Kapitaldisposition als eine Funktion des Preises
des Wartens studiert, weiterzukommen. Cassel befindet sich
hier im Unrecht. ‚Wie wir später sehen werden, ist die Abstinenz-
theorie eine durch eine weitere Annahme — nämlich durch die
Annahme, daß infolge der Unterschätzung zukünftiger Güter
der Verzicht auf gegenwärtige Güter für den Kapitalisten
ein Opfer involviert — umgemodelte Agiotheorie. Ob diese
Annahme allerdings mit der Agiotheorie in Einklang zu bringen
ist, das ist eine andere Frage, die uns weiter hinten beschäftigen
wird. Wenn Cassel daher die Abhängigkeit des Kapitalangebots
vom Zins untersucht, so heißt es weiter nichts, als daß er die
verschiedenen. Grade der Unterschätzung zukünftiger Güter
auf ihre Ursachen hin studiert. Das tut er denn auch, nur daß
er dabei auf die werttheoretische Einkleidung seiner Gedanken-
gänge verzichtet: „Das Verhältnis zwischen Bedarf und
Deckungsmitteln stellt sich eben für den einzelnen sehr ver-
schieden in verschiedenen Perioden seines Lebens. Diese Un-
gleichmäßigkeit der Versorgung läßt sich aber durch eine ge-
ejgenete Zusammenstellung von Sparen und Überkonsumtion
überwinden. Welche von diesen Tätigkeiten zeitlich vorauSs-
gehen soll, muß von den Umständen bestimmt werden‘‘?),
1) Cassel, Theorie, S. 172, vgl. auch S. 176 und Cassel, Grundgedanken,
5, 42. 2) Cassel, Theorie, S. 213.