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Erleber. Der Strom des Lebens muß durch ihn t)inburc^ftufceïi ; er
muß die Menscheuwelt in seinem Innern lebendig werben lassen und
muß sic iu uns durch die sinnliche Kraft seiner Darstellung ebenfalls
wieder erwecken, sodaß sie auch uns zum Erlebnis werde. Dazu
gehört (und dadurch unterscheidet sich der große Forscher vom Pro
fessor): daß Blut und keine Tinte in seinen Adern fließe.
Alle „Entwicklung" des Wissens vom Menschen (wenn wir
schon von Entwicklung sprechen wollen) erschöpft sich in dem immer
wiederkehrenden Vorgänge: daß von einem großen Schauer Menschell
eiltdeckt und hingestellt werden, daß dann langsam von den gelehrte«
Spinnen das Bild so lange durch allerhaud Spezialistentum über-
sponnen wird, bis es ganz und gar mlkenntlich geworden ist und
durch eine neue schöpferische Leistung ersetzt werden muß, um lebendig
zu bleiben. Wo die Schauer fehlen, haben die Schuster zu tuu.
Und ihr Werk ist es, das Lebendige mit totem Wissenskram zuzu
decken, den Menschen und sein Wirken durch allerhaud Abstraktionen
zll ersetzen. Man schaue sich den trostloseil Zustand der Verwahr
losung an, in dem unsere Geschichtsschreibung heute geraten ist, nach
dem seit einem Menschenalter kein großer Lebendiger mehr sich an
der Geschichtsforschung beteiligt.
Fraglich könnte wiederllm nur sein, ob alles dieses etwa bloß
für die Geschichtsforschung im engeren Sinne, bagegen nicht auch
für die systematische Wissenschaft vom Menschen in der Geschichte,
für Soziologie und ihre Unterwissenschaften wie Nationalökonomie,
Rechtswissenschaft usw. Geltung habe. Aber ich glaube, daß auf
dem Gebiete der systematischen Sozialwissenschaften auch immer nur
die Mämler Großes leisten werden, die stärkstes Erlebnis mit großer
Darstellungskraft verbinden. Nur daß die Fähigkeit zu erleben eine
besondere Nuance aufweisen muß: es muß eine Fähigkeit sein, das