Full text: Das Lebenswerk von Karl Marx

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Erleber. Der Strom des Lebens muß durch ihn t)inburc^ftufceïi ; er 
muß die Menscheuwelt in seinem Innern lebendig werben lassen und 
muß sic iu uns durch die sinnliche Kraft seiner Darstellung ebenfalls 
wieder erwecken, sodaß sie auch uns zum Erlebnis werde. Dazu 
gehört (und dadurch unterscheidet sich der große Forscher vom Pro 
fessor): daß Blut und keine Tinte in seinen Adern fließe. 
Alle „Entwicklung" des Wissens vom Menschen (wenn wir 
schon von Entwicklung sprechen wollen) erschöpft sich in dem immer 
wiederkehrenden Vorgänge: daß von einem großen Schauer Menschell 
eiltdeckt und hingestellt werden, daß dann langsam von den gelehrte« 
Spinnen das Bild so lange durch allerhaud Spezialistentum über- 
sponnen wird, bis es ganz und gar mlkenntlich geworden ist und 
durch eine neue schöpferische Leistung ersetzt werden muß, um lebendig 
zu bleiben. Wo die Schauer fehlen, haben die Schuster zu tuu. 
Und ihr Werk ist es, das Lebendige mit totem Wissenskram zuzu 
decken, den Menschen und sein Wirken durch allerhaud Abstraktionen 
zll ersetzen. Man schaue sich den trostloseil Zustand der Verwahr 
losung an, in dem unsere Geschichtsschreibung heute geraten ist, nach 
dem seit einem Menschenalter kein großer Lebendiger mehr sich an 
der Geschichtsforschung beteiligt. 
Fraglich könnte wiederllm nur sein, ob alles dieses etwa bloß 
für die Geschichtsforschung im engeren Sinne, bagegen nicht auch 
für die systematische Wissenschaft vom Menschen in der Geschichte, 
für Soziologie und ihre Unterwissenschaften wie Nationalökonomie, 
Rechtswissenschaft usw. Geltung habe. Aber ich glaube, daß auf 
dem Gebiete der systematischen Sozialwissenschaften auch immer nur 
die Mämler Großes leisten werden, die stärkstes Erlebnis mit großer 
Darstellungskraft verbinden. Nur daß die Fähigkeit zu erleben eine 
besondere Nuance aufweisen muß: es muß eine Fähigkeit sein, das
	        
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