III. Rationalisierung und Kunst —169
Monismus ihre religibsen Formen findet, die Zeiten der Abstraktion.
Solche Einfühlung weiß sich eins mit der Welt und empfindet des⸗
halb „die objektive Außenwelt nicht als Fremdartiges, das zu der
inneren Welt des Menschen hinzutritt, sondern in ihr die antwortenden
Gegenbilder zu den eigenen Empfindungen erkennt“ (Goethe).
Deshalb sieht das Altertum, dessen künstlerische Kultur genährt
wird von der Kraft und Eindringlichkeit der südlichen Natur, sein
künstlerisches Ziel darin, „die Außendinge in ihrer klaren stofflichen
Individualitãt wiederzugeben und dabei gegenüber der sinnfälligen
Erscheinung der Außendinge in der Natur alles zu vermeiden und zu
unterdrücken, was den unmittelbar überzeugenden Ausdruck der stoff⸗
lichen Individualitaͤt trüben und abschwächen könnte“x). Deshalb
sucht auch die Renaissance, die in der beglückenden Umwelt Italiens
ihre natürlichen Wurzeln hat, die Steigerung des Selbstgefühls in
der Darstellung und im Sichfinden in der organischen Form.
Dagegen kann der Einfühlungsdrang als Triebkraft des künst⸗
lerischen Wollens und Gestaltens dort keinen oder doch nur einen
vorübergehenden Einfluß gewinnen, wo tiefere Erkenntnis vor der
Unsicherheit der Erscheinungen und ein stets waches Mißtrauen
gegenüber dem Vordergrund und der schnell wechselnden Oberflãche
der Dinge den Menschen fernhaͤlt von einer optimistischen Vertraut⸗
heit mit der Natur. Das Kunstwollen der Naturvölker ist ebenso wie
das Weltgefühl der Orientalen und der Christen beherrscht von der
pessimistischen Furcht vor der Unergrundlichkeit des Daseins. Das
künstlerische Korrelat zu diesem Pessimismus ist die Abstraktion,
insofern sie die Möglichkeit bietet, aus dem draͤngenden, problema⸗
tischen Wechsel des Diesseits erloöst zu werden zum Jenseits des
Absoluten. Alle Transzendentalkunst strebt deshalb nach dem „Ding
an sich“, nach unbedingten, zeitlich nicht mehr gebundenen Notwen dig⸗
keitswerten, nach der Darstellung der „Idee“ schlechthin. In diesem
Sinne weist Schiller der Kunst die Aufgabe zu, den Menschen über
H Riegl, Spaͤtromische Kunstindustrie, zitiert bei Worringer a.a. O., S. 28.