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Fortschritt in der Entwicklung beruflicher Frauenorganisationen be
deutet. Mit dieser Umbildung der Grundsätze mußten auch die Wohl
fahrtseinrichtungen immer mehr in den Hintergrund treten, ohne
natürlich an Bedeutung für die Handlungsgehilfinnen zu verlieren. Die
Grundlage für die Betätigung des Vereins bilden jetzt vor allem wirt
schaftliche und soziale Interessen der Handlungsgehilfinnen. Die
Wohlfahrtseinrichtungen sind trotzdem weiter ausgebaut worden in
der Erkenntnis, daß bestehenden Mißständen nicht durch Gesetze,
sondern durch tatkräftige Selbsthilfe abzuhelfen ist; das Bestreben
geht aber dahin, das Übel an der Wurzel zu beseitigen. Diese Be
strebungen, die der Verein mit Hilfe der großen Mitgliederzahl so
energisch durchzusetzen versucht hat, haben auch bewirkt, daß sein
Ansehen und Einfluß von Jahr zu Jahr wächst.
Eine ganz andere Organisation weisen die beiden anderen maß
gebenden Verbände auf. Diese Vereine stehen auf dem Standpunkt,
daß die weiblichen Angestellten keineswegs in der organisatorischen
Tätigkeit so eingearbeitet und die Verbände pekuniär so gestellt sind,
daß sie der Hilfe Außenstehender entraten können. Sie sind ebenfalls
auf Selbsthilfe auf gebaut, zeigen aber doch mehr oder weniger pari
tätischen Charakter. Auch im äußeren Aufbau sind sie verschieden
gestaltet. Der Berliner Verband ist vollständig auf dem Prinzip der
Zentralisation auf gebaut, die beiden anderen Organisationen dagegen
befürworten eine selbständige Lokalverwaltung.
Bei den „Verbündeten kaufmännischen Vereinen für weibliche
Angestellte“ ist dieses System aus der Art seiner Gründung verständlich.
Ähnlich wie in Berlin waren auch an anderen Orten Vereine für Hand
lungsgehilfinnen gegründet worden. Als aber mehr und mehr berufliche
Aufgaben sich neben Wohlfahrtseinrichtungen stellten, machte sich
das Bemühen geltend, das Ziel, das lokal aussichtslos war, durch Zu
sammenarbeit aller Vereine zu erreichen. Dieser Wunsch bewirkte
nach einem fehlgeschlagenen Versuch im Jahre 1900 schließlich einen
Zusammenschluß der Mehrzahl der damals bestehenden Vereine unter
dem Namen „Verbündete kaufmännische Vereine für weibliche An
gestellte“. Dieser Verband war nur eine lose Vereinigung, die den an
geschlossenen Vereinen vollständige Selbständigkeit beließ. Die ge
meinsame Arbeit war für alle Beteiligten außerordentlich günstig,
trotzdem machten sich aber bald Sonderbestrebungen bemerkbar.
Die Meinungen gingen besonders über Organisation der einzelnen
Vereine und des Gesamtverbandes auseinander. Der Berliner Verein
verfocht den Gedanken einer reingewerkschaftlichen Entwicklung unter
Ausschluß aller Prinzipale, während viele Lokalvereine auf finanzielle
Mitwirkung sozialgesinnter Persönlichkeiten außerhalb des Ange