fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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wie stellt sihh da Klinger zu der neuen Kunst? Es ist dieselbe 
Behandlung, die wir später in seiner Malerei beobachten 
werden, — nur hier noch viel unmittelbarer durch die Technik 
der Radierung veranlaßt, wie dort durch die Forderungen eines 
malerischen Idealismus: er lehnt ihre Forderungen nicht ab, 
aber er ordnet sie der Form unter und ist dadurch veranlaßt, 
das Licht zu idealisieren. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeich— 
nender als das vierte dieser Blätter, das „nächtliche Dorf“: 
eine Landschaft, die ganz in moderner Lichtauffassung, doch in 
dieser stilisiert gegeben ist; findet sich doch hier sogar schon 
jene stilisierende Behandlung der atmosphärischen Luft und der 
Lichteffekte, sowie vornehmlich auch der Wolken, in der Klinger 
später bis zu anthropomorpher Umformung der Wolkengebilde 
fortgeschritten ist. Später hat er dann die Behandlung der 
modernen Lichtprobleme in der Radierung noch viel umfassender 
aufgenommen; namentlich die „Dramen“ (1881 -83) strotzen 
von immer und immer wieder anders gewendeten Experimenten 
in dieser Richtung. 
Es sind Versuche von hohem Interesse: sie ergaben für 
Klinger die Notwendigkeit, zunächst wenigstens als Radierer 
Umriß und Form nicht fallen zu lassen, so sehr sich auch gerade 
durch die malerischen Lichtexperimente die Tiefe und Aus— 
drucksfähigkeit der Radierung steigern ließ; und sie wiesen 
damit den Maler bei aller Bereitwilligkeit, impressionistische 
Errungenschaften aufzunehmen, doch auf das Plastische der Er— 
scheinungen hin bis zu dem Grade, daß, freilich innerer Ver— 
anlagung entsprechend, aus dem Maler der Bildhauer hervor— 
ging, hervorgehen mußte. In diesen Zusammenhängen beruht 
die Einheit der Kunst Klingers und der Vielen, die heute in 
harmonischer Verbindung von Malerei, Bildnerei und auch 
Baukunst idealistisch schaffen. 
Was Klinger noch weiter an der Radierung festhielt, das 
war die Überfülle seiner Phantasie und sein grüblerischer, da⸗ 
mals noch nicht aus pessimistischen Stimmungen zum Optimis— 
mus freudiger Entsagung durchgegorener Charakter. Und so 
bildete sich zunächst noch wesentlich auf diesem Gebiete sein
	        
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