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Soldaten in der Industrie könnte heute zu Schwierigkeiten führen. Auch der
Hinweis auf die großen Geldausgaben zu Kriegszwecken ist an sich nicht aus
reichend, weil man erst zeigen müßte, daß bei Bestehenbleiben der sonstigen
Ordnung die Summe, die sonst den Kriegsrüstungen zufließt, dann den Schulen
und Krankenhäusern zuflösse. Diese Erwägungen gehen davon aus, daß eine
bestimmte Menge wirtschaftlicher Kräfte und ebenso eine bestimmte Menge
Geld gegeben ist, die wir nun entweder in der einen oder anderen Weise
verwenden können, während in Wirklichkeit die Dinge weit komplizierter liegen,
Zu denen, welche diesem Problem ihr Augenmerk zuwendeten, gehört
Henry George, der einige Zusammenhänge zwischen Krieg und Wirtschaft
richtig erkannte.36) Er sagt von Amerika: „Nichts zeigt vielleicht klarer die
beständig vor sich gehende enorme Verschwendung von produktiven Kräften
als der Umstand, daß die blühendsten Zeiten, welche dieses Land in allen Ge
schäftszweigen erlebt hat, die Zeiten des Bürgerkrieges waren, als wir große
Flotten und Armeen unterhielten und Millionen unserer industriellen Bevölkerung
genug zu tun hatten, um dieselben mit Gütern zur unproduktiven Konsumtion
oder zu leichtsinniger Vernichtung zu versehen. Es ist vergebens, von einer
eingebildeten Blüte dieser gedeihlichen Zeiten zu reden. Die Massen des
Volkes lebten besser, kleideten sich besser, fanden es leichter, ihren Lebens
unterhalt zu gewinnen, und hatten mehr Überfluß und Vergnügen als in ge
wöhnlichen Zeiten. Im Norden war mehr tatsächlicher, sichtbarer Reichtum
am Schlüsse des Krieges vorhanden, als beim Beginn desselben . . . Unsere
Armeen und Flotten wurden unterhalten, der enorme unproduktive und zer
störende Gebrauch von Gütern wurde ermöglicht durch die Arbeit und das
Kapital, die damals und hier produktiv beschäftigt waren. Und dadurch, daß
die vom Kriege veranlaßte Nachfrage produktive Kräfte in Tätigkeit setzte,
wurden die enormen Verluste des Krieges nicht allein wiederersetzt, sondern
der Norden wurde auch reicher. Die Arbeitsvergeudung beim Hin- und Her
marschieren, beim Graben von Laufgräben, Aufwerfen von Schanzen und
Fechten von Schlachten, die Vergeudung von Gütern, die durch unsere Armeen
und Flotten verbraucht oder vernichtet wurden, war nicht so groß, als die
beständig vor sich gehende Vergeudung unbeschäftigter Arbeit und stillstehender
oder nur teilweise benützter Maschinen. Es ist klar, daß diese enorme
Verschwendung produktiver Kraft nicht den Fehlern in
den Naturgesetzen, sondern den sozialen Mißgestaltungen
zuzuschreiben ist, welche der Arbeit den Zugang zu den
natürlichen Arbeitsgelegenheiten verweigern. . . . Die Läh
mung, welche zu allen Zeiten produktive Kräfte verschwendet und in allen
Zeiten industriellen Druckes mehr Verluste herbeiführt, als ein großer Krieg,
entspringt aus der Schwierigkeit, welcher diejenigen, die gern durch ihre
Arbeit ihre Bedürfnisse befriedigen würden, in diesem Bestreben begegnen....“
Dieser Versuch H. Georges, die anläßlich der Überproduktionskrisen zutage
tretenden Erscheinungen bei der Untersuchung der Wirkungen des Krieges auf
den Reichtum zu verwenden, ist seither nur selten wiederholt worden,^^) wie
denn überhaupt die genaue Analyse der einschlägigen Tatbestände viel zu
wünschen übrig läßt.
Die Ursachen der steigenden Rentabilität, die zuweilen während des Krieges
und kurz nach demselben bemerkbar wird, ist oft in folgenden Umständen zu
suchen; Alle Bedarfsartikel für dje Kriegführung steigen erheblich im Preise,
dazu gehören auch die Lebensmittel. Dies sichert einer Reihe von Unternehmungen
vermehrte Einnahmen. Die im Kriegsfall notwendige Einberufung der Bürger
zur Armee bewirkt zuweilen einen erheblichen Arbeitermangel und bei gleich
zeitiger Produktionssteigerung in gewissen Industrien eine Erhöhung der Löhne.
H. George, Soziale Probleme, deutsch von Stöpel. Berlin 1885,
S. 70 f.
3^) Ähnlich Wilhelm Neurath in den nachgelassenen, nicht veröffent
lichten Manuskripten. Dezember 1894, unter dem Titel „Aufhebung von Hemm
nissen der Produktion. Krieg macht reich.“