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Neuntes Buch. Erstes Kapitel.
nachdem bereits in Italien einer der vergeiselten Söhne des
Löwen, Heinrich, dem kaiserlichen Gewahrsam entsprungen war,
um Unfrieden zu stiften; einige sächsische Fürsten schlossen sich
anscheinend an: die alten Horste der gegenköniglichen Bewegungen,
der Niederrhein und Sachsen, fanden sich wiederum zusammen,
wie sie so oft schon dem süddeutschen, nach Italien strebenden
Kaisertum entgegengetreten waren.
Da rettete ein unerhörter Glücksfall den Kaiser aus aller
Drohung. König Richard Löwenherz war auf seiner Heimfahrt
von der Kreuzfahrt zum heiligen Lande an die dalmatinische
Küste verschlagen worden. Von hier aus mitten im Winter
des Jahres 1192 auf 1193 zur See weiter zu gehen, erschien
ihm zu gefährlich, wie leicht konnte er an die Gestade Frank—
reichs, in die Hände König Philipps, jetzt seines erbittertsten
Gegners, geworfen werden. So beschloß er, sich verkleidet nach
Norddeutschland zu Heinrich dem Löwen durchzuschlagen, um
mit dessen Hilfe England zu erreichen. Der abenteuerliche Plan
mißlang; am 21. Dezember 1192 wurde Richard bei Wien er—
kannt und von seinem Todfeinde, dem Herzog Leopold von OÖgster
reich auf Burg Dürenstein an der Donau gefangen gesetzt.
Sofort begann Kaiser Heinrich das Ereignis zu nutzen. Er
brachte sich in den Besitz der Person Richards, um einige An—
klagen gegen ihn, die sich angeblich auf deutsche Interessen be—
zogen, als oberster Richter zu untersuchen. Kaum aber war Richard
in seiner Gewalt, so begann er dessen Gefangenschaft meisterhaft
gegen die niederrheinisch-sächsische Fürstenverschwörung aus—
zuspielen, indem er einerseits mit der Auslieferung Richards an
König Philipp von Frankreich drohte und auf diese Weise die
Empörer am Niederrhein vor die Gefahr eines Kampfes gegen
die mit Philipp verbündete Reichsmacht stellte, und indem er
andererseits durch Richard freundliche Fuhlung mit den Welfen
gewann. So gelang es, auf rein diplomatischem Wege die beiden
Centren des Widerstands, den Niederrhein und die Sachsen, zu
ktrennen und vereinzelt dem Reiche wiederum zu unterwerfen.
Und noch ein weiteres Ergebnis von universaler Bedeutung
wußte Heinrich den Verhandlungen mit Richard zu ent—
locken. Als König Richard am 2. Februar 1194 in feier—