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Wissenschaft, die wie so oft die deutsche Wissenschaft zum
Gewissen der Nation werden sollte. 1872 traten erstmals
Vertreter der nationalökonomischen Wisssenschaft wie Bren-
tano und Schmoller, Philanthropen und Verwaltungs-
beamte in Eisenach zur Besprechung der sozialen Frage zu-
sammen und gaben ein klares Bekenntnis zum Segen eines
staatlichen Eingreifens auf sozialem Gebiete ab; aus dieser
Tagung ist der Verein für Sozialpolitik herausgewachsen,
der in den folgenden Jahrzehnten entscheidend auf die
deutsche Sozialpolitik eingewirkt hat. Er trat bereits in
den ersten Jahren seiner Tätigkeit für eine Reform der
Haftpflichtgesezgebung und für staatliche Alters- und
Invalidenversicherungskassen ein.
Nun sollten aber auch die großen politischen Parteien
vom sozialen Problem durchrüttelt werden. Die erste
Partei, die davon ergriffen wurde, ist die deutsche
Zentrumspartei. War diese von dem Gedanken der katho-
lischen Kirche aufs stärkste bestimmte Partei auch für Für-
sorge und Wohltätigkeit eingetreten, so erkannte sie doch
ein R e < t des Verarmten auf Leistungen seitens des
Wohlhabenden zunächst nicht an. Erst das Auftauchen
einer christlichsozialen Arbeiterbewegung in Rheinland-
Westfalen, dann aber auch der Einfluß sozial weitblicken-
der Männer wie des Bischofs Ketteler von Mainz brachte
den Umschwung, der seinen ersten Ausdruck in dem großen
Arbeiterschutzantrag des Grafen Galen im Reichstag im
Jahre 1877 fand.
Langsamer kamen die konservativen Gruppen in Bewe-
gung. Standen sie auch dem liberalen Ideal des Spiels
der freien Kräfte ablehnend gegenüber, so wollten sie doch
nicht, daß in das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer, das sie von Autorität und Pietät beherrscht wissen
wollten, von Staats wegen eingegriffen werde. Es ist das
Verdienst des Hofpredigers Adolf Stöcker, dem der Gedanke
einer vaterländischen, von christlichen Ideen beherrschten
Arbeiterpartei vorschwebte, wenn sich auch bei den konser-
vativen Parteien allmählich ein Umschwung vollzog.
Wenn sc<ließlih, auch die Reichsregierung ihren
manchesterlichen Standpunkt preisgab, so lag das außer
an grundsätzlichen Erwägungen auch an der politischen
Situation des Augenblicks. Mit dem Ausnahmegesetz
gegen die Sozialdemokratie, das nach den beiden Atten-