49
um von ihnen eine als die richtige, die die „Lösung" enthält, zu
erkennen.
Vom Menschenforscher erwarten wir keine „Lösungen", man
könnte vielmehr mit einiger Paradoxie sagen: wir verlangen von
ihm Problemstellungen. Was ihn vor den andern groß macht, ist
immer die neue Ansicht vor: der Welt und den Menschen. Auch er
ist groß als Entdecker. Aber nicht als Entdecker (lies Formulierer)
von Gesetzen, sondern als Entdecker von Menschen und menschlichem
Wesen. Was wir an ihm schätzen, ist die Kraft, Menschen lebendig
zu machen und sie uns in ihrem Denken und Fühlen und Tun
leibhaftig vor Äugelt zu stellen. Was macht denn, um ein paar
beliebige Namen aus unserer Zeit zu nennen, Carlyle und Taine,
Mommsen und Burkhardt, Gneist und Treitschke, Jhering
und Viktor Hehn zu großen Forschern? Doch nicht, daß sie uns
irgend ein „Gesetz" formuliert hätten, sondern dieses: daß sie uns
Menschen schauen ließen. Die einen haben den Revolutionsmenschen
elltdeckt, die anderlt den Rönrer oder den Renaissancemenschen oder
den eltglischen Adligen oder den Italiener oder den preußischen
Bureaukraten des ancien régime usf. Was sichert Mommsen den
ewigen Ruhm? Ganz gewiß nicht seine 1500 gelehrten Traktate,
die er mit unübertroffener Akribie und Sachkunde verfaßt hat (aber
an Akribie und Sachkunde kommt ihm manch ein beliebiger Professor
gleich). Auch nicht seine Edition des Corpus inscriptionum. Son
dern er wird fortleben als der Verfasser seiner römischen Geschichte,
in der er in hellseherischer Klarheit das Römertum geschaut und uns
mit genialer künstlerischer Gestaltungskraft vor Augen gestellt hat.
Damit aber der Menschheitsforscher diese von uns allein ge
wertete Leistung vollbringen könne, braucht er kein großer Rechner,
kein großer Abstrahist zu sein. Aber was er sein muß: ein großer
Sombart, Lebenstverk von Karl Marx. 4