Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites Buch. Die Gegner. 
spontanen Harmonie der Interessen gesprochen werden. Es ist nicht 
mehr möglich, das zu vergessen, was der Fortschritt in der Pro 
duktion an Elend und Unglück verdeckt. Es ist nicht mehr möglich, 
über die Krisen hinwegzngleiten als seien sie vorübergehende und 
gleichgültige Tatsachen. Nicht mehr möglich ist es, die Rolle zu 
vergessen, die die ungleiche Verteilung des Einkommens und des 
Vermögens in dem Wirtschaftsleben spielt, — die zwischen den beiden 
Kontrahenten des Lohnvertrages eine grundlegende Ungleichheit auf- 
richtet, die oft jede Freiheit der Verhandlung vernichtet. Es ist 
nicht mehr möglich, mit einem Wort, die sozialen Folgen zu ver 
gessen, die die wirtschaftlichen Veränderungen mit sich bringen. 
Folglich ist jetzt Kaum für eine Sozialpolitik geschaffen. 
Von dieser Politik werden wir nun sprechen müssen. 
Von dem neuen Standpunkte aus, auf den Sismondi sich gestellt , 
hatte, daß nämlich das freie Spiel der Privatinteressen in Wider 
spruch zu dem Allgemeinwohl steht, — ist die von Adam Smith und 
seiner Schule gepredigte Nichteinmischung der Regierung ohne Be 
rechtigung. Die Gesellschaft muß im Gegenteil eingreifen, den 
individuellen Initiativen eine Grenze ziehen und ihre Mißbräuche 
korrigieren. Sismondi ist so der erste der Interventionisten. 
Nach seiner Ansicht sollte die Tätigkeit des Staates zunächst 
— auf eine Eindämmung des Überflusses an Produkten hinzielen und 
die zu schnelle Vermehrung neuer Erfindungen hemmen. Sismondi 
träumt von einem Fortschritt, der sich in langsamen Etappen voll 
zieht, ohne jemanden zu schädigen, ohne irgendein Einkommen zu 
verringern, und ohne sogar den Zinsfuß zu senken 1 ). Seine Emp 
findsamkeit macht ihn furchtsam. Seine Gegner lächeln über seine 
Philanthropie. Sogar die Saint-Simonisten, die doch gewissen Ansichten 
Sismondi’s sympathisch gegenüberstanden, werfen ihm vor, „daß ihn 
seine Philanthropie in die Irre führe“ 2 ). Dieser Charakterzug drückte 
sich sogar in seinen Lebensgewohnheiten aus: „Er hatte“, so erzählt 
Saxnte-Beuve 3 ) „einen Schlosser, der so schlecht und so ungeschickt 
arbeitete, daß niemand ihn mehr beschäftigen wollte; er aber behielt 
l ) Sismondi wendet auf das Sinken des Zinsfußes die gleichen Grundsätze an, 
wie auf das Wachstum der Produktion und auf die Maschinen: „Die Vermehrung 
der Kapitalien ist nur insoweit wünschenswert als auch die Verwendung, die man 
von ihnen machen kann, zur gleichen Zeit größer wird. Jedesmal nun, daß der 
Zinsfuß fällt, ist das ein sicheres Zeichen, daß diese Verwendung proportional zur 
Menge der Kapitalien geringer wird, und dieses Sinken des Zinses, worin stets ein 
Vorteil für irgend jemanden liegt, ist auch stets mit Nachteil für einen anderen ver 
bunden, sei es unter den Landsleuten, deren Einkünfte sinken, sei es unter den Aus 
ländern, deren Arbeit es unterbricht“ (N. P., I, S. 393). 
3 ) Vgl. die Eevue der Saint-Simonisten; Le Producteur, IV, S. 557—558. 
3 ) Sainte-Beuve, Nouveaux Lundis, VI, S. 81.
	        
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