Full text: Theoretische Sozialökonomie

102 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft. 
die Verteilung der Produktivkräfte der Gesellschaft auf die verschiedenen 
Produktionszweige und anderseits für die gesamte Bedürfnisbefrie- 
digung sein. 
Es ist nur ganz verständlich, wenn man unter solchen Umständen 
die freie Konkurrenz zum Ausgangspunkt der ganzen theoretischen 
Ökonomie gemacht und die Aufgabe dieser Wissenschaft im Studium 
einer von der freien Konkurrenz beherrschten Tauschwirtschaft er- 
blickt hat. Dieser Standpunkt ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn 
die freie Konkurrenz auch wirklich diejenigen Wirkungen hat, die die 
Theorie voraussetzt, also wenigstens im großen eine Preisbildung nach 
dem Kostenprinzip verwirklicht, und außerdem noch unsere Tausch- 
wirtschaft tatsächlich ganz überwiegend beherrscht, auch dann, streng 
genommen, nur wenn die freie Konkurrenz für die Preisbildung und die 
dadurch regulierten Vorgänge der Tauschwirtschaft ein wesentliches 
Element darstellt. In welchem Maße diese Bedingungen erfüllt sind, 
haben wir hier zu prüfen. 
Jene Regulierung der Produktion durch die freie Konkurrenz, die 
die klassische Theorie aus den genannten Gründen als allgemeines Ge- 
setz annehmen zu können glaubte, hängt von zwei wichtigen Voraus- 
setzungen ab, die beide vor hundert oder hundertfünfzig Jahren besser 
erfüllt waren, als es in unseren Tagen der Fall ist. 
Zunächst setzt die Theorie der freien Konkurrenz eine vollständige 
Beweglichkeit aller Produktionsmittel voraus. Denn die Theorie 
muß annehmen, daß Produktivkräfte ohne Reibung von einem Pro- 
duktionszweig zu einem anderen je nach der jeweiligen Preislage über- 
geführt werden können. Die Produktion verwendet jetzt aber in der 
Wirklichkeit in großem Umfang festes Realkapital, welches, wenn es 
nicht länger für seinen ursprünglichen Zweck gebraucht werden kann, 
entweder gar nicht oder nur unter mehr oder weniger bedeutenden Ver- 
lusten für andere Zwecke dienlich gemacht oder nach anderen Orten 
übergeführt werden kann. Das Kapital, das vom Schuhfabrikanten zur 
Beschaffung von Steppmaschinen gebraucht wurde, kann nicht, wenn 
der Schuhwarenhandel infolge einer Überproduktion ins Stocken ge- 
raten ist, wieder aus diesem Produktionszweig herausgezogen und in 
einem anderen verwendet werden. Es ist ein für allemal in der Schuh- 
fabrikation gebunden. Dasselbe ist der Fall mit den meisten Spezial- 
maschinen, in geringerem Grade mit den allgemeinen Werkzeugmaschi- 
nen, den Fabrikgebäuden usw., im höchsten Grade dagegen mit den 
Eisenbahnen und ähnlichen festen Anlagen, wie Kanälen, Gaswerken 
usw. Wenn eine Eisenbahn unrentabel ist, ist das wohl ein Nachteil, 
jedenfalls für die Aktionäre. Der Fehler läßt sich aber nicht wieder 
gutmachen. Das Kapital ist, wie man sagt, in dem betreffenden Unter- 
nehmen „gebunden‘‘. In gewissem Maße besteht eine solche Gebunden- 
heit auch für die spezialisierte gelernte Arbeit.
	        
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