114 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft.
friedigt werden. Im übrigen ist kein Grund vorhanden, warum die sozia
listische Gesellschaft dem Gratisprinzip einen weiteren Spielraum geben
sollte, denn dieses Wirtschaftsprinzip gehört dem Kommunismus, nicht
dem Sozialismus an. Wollen wir eine typische sozialistische Wirtschaftsordnung
studieren, so haben wir dieselbe möglichst scharf vom kKommunistischen
Ideal abzugrenzen, was freilich in der politischen Diskussion
nur selten getan wird. Unsere sozialistische Wirtschaftsordnung
müßte also im wesentlichen auf dem freien Tausch zwischen persönlichen
Leistungen und Mitteln zu persönlicher Bedürfnisbefriedigung
fußen. Dann ist aber die sozialistische Wirtschaftsordnung wesentlich
eine Tauschwirtschaft, und wenn die allgemeine Forderung auf Wirtschaftlichkeit
erfüllt werden soll, auch eine vom Kostenprinzip beherrschte
Tauschwirtschaft.
Diese sozialistische Wirtschaft ist auch, wie überhaupt jede entwickelte
Tauschwirtschaft, eine Geldwirtschaft. Zwar ist viel darüber
geredet worden, daß die sozialistische Wirtschaftsordnung das Geld abschaffen
würde. Viele ältere Sozialisten, wie z. B. Rob. Owen, haben
sogar in der Abschaffung des Geldes einen Hauptpunkt des sozialistischen
Programms erblickt. Solche Vorstellungen beruhen jedoch nur
auf einem Mißverständnis in betreff der Natur des Geldes, auf einem
Verkennen dessen, was im Begriff des Geldes das Wesentliche ist. Nach
der oben (8 7) entwickelten Auffassung ist das Geld wesentlich eine
Rechnungsskala, in welcher die Tauschwirtschaft alle Preise ausdrückt.
Einer solchen Rechnungsskala muß auch die sozialistische Gesellschaft
sich bedienen, wenn sie überhaupt das grundlegende Prinzip der Tauschwirtschaft
anerkennt. Viele gerade der klarsten Sozialisten haben sich
gedacht, daß die Geldrechnung durch eine Rechnung in „Arbeitsstunden‘‘
ersetzt werden sollte. Der Name ändert aber nicht das Wesen
der Sache. Auch die Rechnung in Arbeitsstunden ist eine Geldrechnung.
Nach den gewöhnlichen Vorschlägen würde die sozialistische Gesellschaft
auch Bescheinigungen über geleistete Arbeitsstunden ausgeben, welche
zum Kauf der Waren nach den in Arbeitsstunden angegebenen Preisen
dienen würden. Solche Scheine, die offenbar in irgendeiner Form
praktisch notwendig sind, stellen aber unzweifelhaft ein Zahlungsmittel
dar, erfüllen in dieser Hinsicht die Funktion des materiellen Geldes.
Die sozialistische Wirtschaftsordnung ist demnach eine vollständig ausgebildete
Geldwirtschaft.
Es ist selbstverständlich nicht nötig, daß die abstrakte Rechnungseinheit
der Geldskala der sozialistischen Wirtschaft auch eine wirkliche
Arbeitsstunde darstellt. Sie muß vielmehr, da nicht alle Arbeitsstunden
gleich gerechnet werden können, eine ideale oder „normale‘‘ Arbeitsstunde
sein. Die Arbeit muß in so und so vielen ‚„„Normalarbeitsstunden‘“‘
pro wirklich geleistete Arbeitsstunde, oder nach erzielter
Produktmenge, oder in einer nach anderer Weise berechneten Arbeits-