Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 18. Die aktiven Bestimmungsgründe der Preise, 9 
führen, welche ohne Zweifel zeitweise zur Steigerung der Kautschuk- 
preise mit beigetragen und dadurch die Preise anderer Produktions- 
mittel, zu deren Herstellung Kautschuk benutzt wird, beeinflußt hat. 
Es läßt sich wohl nicht leugnen, daß die Zufuhr vieler der wichtigsten 
Materialien im Menschenalter bis zum großen Kriege mit der immer 
steigenden Nachfrage nach speziellen fertigen Produkten ungefähr 
gleichen Schritt gehalten hat, daß also wesentliche Veränderungen der 
relativen Knappheit dieser Materialien unterblieben sind und daß, in- 
sofern dies zutrifft, die großen Veränderungen der Nachfrage ohne 
Einfluß auf die Preisbildung gewesen sind, die Beherrschung der Preise 
durch die technischen Produktionskosten in den Vordergrund getreten 
ist. Diese gleichförmige Versorgung mit Materialien ist aber keineswegs 
eine ausnahmslose Erscheinung. Es ist z. B. unzweifelhaft, daß die 
immer steigende Nachfrage nach neuen Wohnungen und die dadurch 
bedingte Bautätigkeit in diesem Jahrhundert die Preise vom Bauholz 
nicht unwesentlich gesteigert haben. Die großen Fortschritte der 
allgemeinen Lesefertigkeit haben in den letzten Jahrzehnten eine sehr 
starke Nachfrage nach Zeitungen geschaffen, die ihrerseits einen ganz 
bestimmten steigernden Einfluß auf die Preise der Holzmasse und 
damit auch auf die Preise der Wälder gehabt hat. In solchen Fällen 
tritt ein aktiver Einfluß der Nachfrage auf die Knappheitspreise der 
Materialien und damit auf die ganze Preisbildung deutlich zutage. 
Die auf gewissen Gebieten einigermaßen gleichförmige und mit den 
steigenden Ansprüchen gleichen Schritt haltende Rohmaterialienversor- 
gung war außerdem nur möglich in einer Zeit, in der die fortlaufende 
wirtschaftliche Eröffnung der Welt immer wieder neue Möglichkeiten 
zur Deckung des steigenden Bedarfs an den verschiedensten Materialien 
ergab. Man kann selbstverständlich nicht annehmen, daß die Zufuhr 
von Materialien auch in der Zukunft immer gleichen Schritt mit jedem 
wachsenden Bedarf halten wird. Ohne sich irgendwie pessimistischen 
Betrachtungen über die Möglichkeiten einer Versorgung einer wachsen- 
den Bevölkerung der Erde hinzugeben, kann und muß man sich die 
Wahrheit vor Augen halten, daß an gewissen Materialien eine ver- 
schärfte Knappheit zu erwarten steht. Die Zeichen dazu waren in den 
letzten Jahren vor dem Kriege deutlich genug!). Nunmehr ist wohl 
diese Wahrheit allgemein anerkannt. Die ganze Weltpolitik ist nach 
dem Kriege bekanntlich von einer Furcht vor einer kommenden Knapp- 
heit gewisser Materialien, wie Düngemittel, vor allem aber Petroleum, 
stark beeinflußt. Sobald aber die Begrenzung unserer Versorgung mit 
Materialien schärfer hervortritt, wird sich ohne Zweifel deutlich zeigen, 
daß die Entwicklung der Nachfrage einen wirklichen, aktiven Einfluß 
auf die Preisbildung ausübt. 
ı) Beispiele bei Glier: Die Preiskurve und das Teuerungsproblem. Zeitschrift 
für Sozialwissenschaft 1913—10914. 
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