Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. V. Einleitung. 
derung stellen, daß ihre Gültigkeit nicht von unwesentlichen Voraus- 
setzungen über die Preisbildung abhängt, daß sie Platz hat für alle 
Gestaltungen der Preisbildung, die im wirklichen Leben vorkommen 
oder vorkommen können. Diese Forderung wird vom Lehrgebäude 
Marshalls ‘nicht erfüllt. Auch wenn die Marshallschen Voraus- 
setzungen annähernd richtig wären, sind sie jedenfalls nicht notwendig. 
Es läßt sich sehr wohl ein Zustand denken, wo sie nicht erfüllt sind, 
wo das Angebot von Arbeit und Kapital innerhalb gewisser Grenzen 
von den Preisen der entsprechenden Anstrengungen und Opfer un- 
bhängig ist und wo_die Bodenbenutzung einen wirklichen, auf die 
Produktenpreise unzweifelhaft einwirkenden Knappheitspreis hat. Eine 
Erklärung des Mechanismus der Preisbildung, die dann versagt, kann 
Ansprüche auf ein tieferes Verständnis für_die wesentlichen Vorgänge 
der Preisbildung nicht befriedigen. Wenn man sieht, daß an sich un- 
esentliche Voraussetzungen für eine Theorie wesentliche Bedeutung 
haben, dann bekommt man unwillkürlich die Empfindung, daß etwas 
esentliches einem vorenthalten bleibt, daß die Theorie nicht bis zum 
Kern der. Sache vorgedrungen‘ ist. “Die Wesentlichkeit, die’ in’ der 
Marshallschen Darstellung der Preisbildung verloren geht, ist das 
rinzip der Knappheit, also die Bedeutung der festen Begrenzung 
der zur Verfügung stehenden Produktionsmittel. Das ganze Marshall- 
sche System ist ein Versuch, das Prinzip der Knappheit zu umgehen, 
je Knappheit als ein bestimmendes Moment der Preisbildung aus- 
zuschalten. Es soll nicht geleugnet werden, daß dieser Versuch im groß- 
artigen Gedankengebäude Marshalls gewissermaßen formell gelungen 
ist. Dies ist aber nur dadurch möglich geworden, daß sich die Preis- 
bildung unter den speziellen Marshallschen Voraussetzungen So ge- 
staltet, daß das Prinzip der Knappheit durch keine unmittelbare Äuße- 
rungen zutage tritt, obwohl es natürlich immer sämtlichen Vorgängen 
der Preisbildung als Regulator zugrunde liegt. Sachlich kann_ eine 
solche Behandlung des Preisbildungsproblems_ aber nicht befriedigen. 
Die Theorie muß dem Prinzip der Knappheit die grundlegende Stellung 
geben, die ihm in Wirklichkeit zukommt '). 
| Unsere vier Produktionsfaktoren stellen natürlich an sich nur 
Typen von Produktionsmitteln dar, die zwar die wichtigsten sind, denen 
aber eine nach mehreren Seiten hin erweiterte Bedeutung beigelegt 
werden muß, wenn sie die gesamten Produktionsmittel vertreten sollen. 
So z. B. beziehen sich die Begriffe Arbeit und Arbeitslohn zunächst 
eigentlich auf die körperliche Arbeit verrichtenden Lohnarbeiter, müssen 
aber auf technische und kaufmännische Angestellte usw. ausgedehnt 
werden. Die Begriffe der Produktionsfaktoren bedürfen also einer 
näheren Erläuterung und Begrenzung. Ga nz besonders ist dies der Fall 
in bezug auf das ‚Kapital‘, dessen Bedeutung als Produktionsfaktor 
ı) Vgl. 8 30. 
152
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.