Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 19. Die Produktionsfaktoren und die Unternehmertätigkeit. 157 
Wenn wir die bisher genannten beiden Elemente des Unternehmer- 
gewinns, die einigermaßen im voraus berechnet werden können und 
als wirkliche Produktionskosten anzusehen sind, vom Unternehmer- 
gewinn abziehen, können wir den etwa noch vorhandenen Überschuß 
des Unternehmens als Unternehmergewinn im engeren Sinne, als reinen 
Unternehmergewinn bezeichnen. Dieser Unternehmergewinn erfüllt im 
strengeren Sinne unsere Definition des Unternehmergewinns als Über- 
schuß des Rohertrags über die Kosten, denn hier sind alle Posten, 
die irgendwie als Kosten aufgefaßt werden können, abgezogen. Daß 
ein solcher Unternehmergewinn in Wirklichkeit vorkommt, unterliegt 
keinem Zweifel und tritt besonders deutlich hervor, wenn Aktiengesell- 
schaften, die ihre Direktoren und Aufsichtsräte sehr angemessen ab- 
lohnen und dazu sehr große Reserven für alle denkbaren Zwecke zurück- 
legen, nicht nur ihr Aktienkapital verzinsen, sondern darüber hinaus 
noch bedeutende Extradividenden verteilen. Allerdings ist der reine 
Unternehmergewinn nur in relativ seltenen Fällen sehr groß. Für die 
Mehrzahl der Unternehmer dürfte ein reiner Unternehmergewinn nur 
unter besonders guten Konjunkturen entstehen; im Durchschnitt reicht 
für sie der Ertrag Vielleicht kaum zur Deckung aller Kosten in dem 
weiteren Sinne, in dem wir hier das Wort genommen haben. Eine auch 
relativ sehr große Zahl von Unternehmen vermögen diese Kosten 
meistens nie zu decken, sondern arbeiten mit einem größeren oder 
kleineren Verlust. Der reine Unternehmergewinn ist in solchen Fällen 
stets negativ. Die Erfahrung lehrt, daß einige solche Unternehmen 
nach genügenden Abschreibungen und „„Rekonstruktionen‘‘ fortbestehen. 
Aber die Zahl der vollständig verunglückten Unternehmen, die von der 
Bildfläche verschwinden, ist sehr groß. Das große Publikum, das davon 
wenig sieht, aber desto mehr von den riesigen Gewinnen einiger wenigen 
glücklichen Unternehmen gefesselt wird, ist immer geneigt, die Größe 
des gesamten reinen Unternehmergewinns in der Volkswirtschaft zu 
überschätzen. 
Für die Höhe des reinen Unternehmergewinns lassen sich natür- 
lich keine Normen aufstellen. Der reine Unternehmergewinn ist über- 
haupt nicht etwas einer allgemeinen Regel Unterliegendes, sondern 
btwas Spezifisches des einzelnen Unternehmens. Er ist oft das Ergebnis 
reiner Zufälligkeiten, z. B. einer für dieses spezielle Unternehmen be- 
sonders günstigen Entwicklung des Absatzes, auf welche der Unter- 
nehmer keinen Einfluß gehabt hat. Er wechselt auch meistens stark 
mit den Konjunkturen des betreffenden Produktionszweiges. Im übrigen 
beruht er auf einer Vorzugsstellung, die das Unternehmen sich in der 
einen oder anderen Hinsicht erworben hat. Das Unternehmen hat 
vielleicht seit alters her einen gesicherten Kundenkreis, eine bevorzugte 
Marke, gute langfristige Kontrakte mit Lieferanten von Materialien, 
im allgemeinen gute Verbindungen in der Geschäftswelt usw... es besitzt
	        
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