Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VI. Der Kapitalzins. 
Zinses als eines von Angebot und Nachfrage bestimmten Marktpreises 
eine selbstverständliche Sache. 
Es blieb indessen noch übrig, die Art des Dienstes, welcher Gegen- 
stand des Angebots und der Nachfrage ist und für welchen also Zins 
bezahlt wird, näher zu bestimmen. In dieser Hinsicht hat die Durch- 
bruchszeit des Liberalismus einige wichtige Fortschritte aufzuweisen. 
Erstens galt es die Zinstheorie von der alten Vermischung von Geld 
und Kapital zu befreien. Da Darlehen meistens in Geld gewährt werden, 
war es nur zu erklärlich, wenn man das Geld als das wesentliche Objekt 
des Darlehens betrachtet und Veränderungen des Zinsfußes auf den 
Überschuß oder die Knappheit des Geldes zurückgeführt hatte. Die 
moderne Geschäftswelt ist noch kaum vollständig über diese Betrach- 
tungsweise hinausgekommen, was man in jedem Leitartikel der Finanz- 
blätter, besonders an solchen gemeinläufigen Phrasen wie „billiges oder 
teures Geld“ beobachten kann. Demgegenüber bezeichnete die Ein- 
sicht, daß das Geld beim Darlehen nur eine Vermittlerrolle. spielt und 
daß das Darlehen wesentlich in einer zeitweisen Überlassung des Ver- 
fügungsrechts über Kapital besteht, einen bedeutungsvollen Fortschritt. 
Seitdem hat die Zinstheorie allgemein auf der Voraussetzung 
gebaut, daß das Geld nur eine zufällige und ganz unwesentliche Form 
für die Überlassung eines Kapitals sei und daß sie von dieser Form ab- 
strahieren dürfte, wenn sie die Abhängigkeit des Zinsfußes vom Kapital- 
markt erklären wollte. Ohne Zweifel ist diese Voraussetzung frucht- 
bar gewesen, da durch sie das Zinsproblem von der Theorie des Geldes 
losgelöst und somit eine isolierte Behandlung des Zinsproblems er- 
möglicht wurde. Ebenso sicher ist aber, daß die genannte Voraus- 
setzung nur als eine vorläufige Vereinfachung des Problems erlaubt ist. 
Eine Zinstheorie, die vom Einfluß der Geldversorgung auf den Zinsfuß 
gänzlich absieht, setzt bewußt oder unbewußt einen statischen Zustand 
des Geldwesens voraus und verschließt sich dadurch jedem Einblick 
in den Zusammenhang zwischen Zinsfuß und Geldwert und damit jedem 
tieferen Verständnis des Geldwesens. Wenn wir also der Einfachheit 
halber bei unserer Behandlung der Zinstheorie von der Geldform der 
Darlehen absehen, bedeutet dies nur, daß wir die gegenseitigen Be- 
ziehungen zwischen Geld und Zins einer späteren Untersuchung vor- 
behalten. Diese Untersuchung hat ihren natürlichen Platz in der Geld- 
theorie, sie bildet in der Tat die abschließende Zusammenfassung der- 
selben. (Vgl. Kap. 11.) 
Die Auffassung des Darlehens als einer zeitweisen Überlassung des 
Verfügungsrechts über eine Wertsumme, also über ein abstraktes Kapi- 
tal, und des Zinses als des Preises dieses Verfügungsrechts, wurde von 
den französischen Ökonomen Turgot und J. B. Say mit besonderer 
Klarheit vertreten. Diese Auffassung des Zinses als Preis einer Kapital- 
disposition hat das große Verdienst, daß sie den Dienst, für welchen 
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