8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 3
Zins bezahlt wird, klar angibt und außerdem ausdrücklich hervorhebt,
daß der Zins ein Preis ist, wodurch die natürliche Gleichstellung des
Zinses mit anderen Preisen und die organische Einordnung des Zins-
problems als eines integrierenden Teiles des gesamten Preisbildungs-
problems gleich von Anfang an klargemacht werden.
Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus bedurfte der Begriff
des Zinses einer schärferen Begrenzung. Es war besonders in England
gebräuchlich geworden, das aus einem Geschäft bezogene Gesamtein-
kommen als ‚,Profit‘ zu bezeichnen, wobei dieser Ausdruck also auch
den Zins des eigenen Kapitals des Geschäftsmannes mit einschloß. Für
die Entwicklung der Zinstheorie war es von wesentlicher Bedeutung,
daß eine analytische Zerlegung des Profits in Zins des im Geschäft ver-
wendeten_ eigenen Kapitals und in Unternehmergewinn durchgeführt
wurde: erst unter dieser Voraussetzung war es möglich, die Faktoren,
die auf der Seite des Angebots oder der Nachfrage bei der Bestimmung
des Zinsfußes mitwirken, sicher zu erfassen, erst so konnte das gesamte
Angebot von, sowie auch die gesamte Nachfrage nach Kapitaldisposition
bei Untersuchungen über das Zinsproblem mit in Betracht gezogen
werden. Eine solche scharfe Unterscheidung zwischen Zins und Unter-
nehmergewinn, zwischen der Funktion des Kapitalisten und der des
Unternehmers wurde von J. B. Say durchgeführt. Say betrachtete
die Kapitaldisposition als einen der „produktiven Dienste‘, die er unter-
scheidet. Die Bestimmung des Zinsfußes wurde also für ihn nur ein
Teil des allgemeinen Preisbildungsprozesses, durch welchen auch die
Preise der produktiven Dienste fixiert werden. Die wirkliche Nachfrage
nach Kapitaldisposition geht in diesem Preisbildungsprozeß von den
Konsumenten derjenigen fertigen Güter aus, zu deren Herstellung eine
Kapitaldisposition nötig ist.
Mit diesen Ergebnissen war der Rahmen gegeben, innerhalb dessen
eine vollständige Zinstheorie sich hätte entwickeln können. Was noch
nötig war, war teils eine festere allgemeine Preisbildungstheorie, inner-
halb welcher der Zins seinen natürlichen Platz als ein Preis gefunden
hätte, teils ein eingehendes Studium über die Umstände, die das An-
gebot von bzw. die Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmen,
besonders über den Einfluß des Zinsfußes selbst auf diese Faktoren.
Unglücklicherweise wurde die Entwicklung der Zinstheorie aber jetzt
abgebrochen, indem ernsthafte Untersuchungen von zwei in hohem Grade
spekulativen und dem wirklichen Wirtschaftsleben sehr fremden Theorien
zur Seite gedrängt wurden. Die eine dieser Theorien war die sozialistische
Wertlehre, die andere die sogenannte Lohnfondstheorie. Näher können
wir auf diese Theorien erst im Zusammenhang mit der Theorie des
Arbeitslohns (Kap. 8) eingehen. Über ihre Bedeutung für die Zıns-
theorie sei hier nur folgendes bemerkt.
Der zentrale Satz der sozialistischen Wertlehre war, daß der Wert
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