Full text: Theoretische Sozialökonomie

% Kap. VI. Der Kapitalzins. 
einer‘ Ware gleich der Arbeitsmenge ist, die ihre Herstellung unter nor- 
malen Verhältnissen kostet. Dieser ganz willkürliche und der Wirklich- 
keit schroff widerstreitende Satz schließt natürlich von vornherein nicht 
nur den Zins selbst, sondern auch jede vernünftige Zinstheorie aus. 
Denn indem er für eine objektive Betrachtung des Preisbildungsproblems 
keinen Platz übrig läßt, macht er jede Untersuchung des Zinses als 
eines aus diesem Prozeß hervorgehenden Preises unmöglich. Eine 
Zinstheorie, auf einen solchen Satz gegründet, ist demnach auch von 
vornherein als Unsinn zu erklären, hat überhaupt keinen Anspruch, als 
wissenschaftliche Leistung betrachtet zu werden. Eine Wissenschaft, 
die auf diesem Gebiete der Scholastik eines Marx” Einräumungen 
macht, weiß nicht, was sie sich selbst schuldig ist. Dagegen hat das 
Studium des Zinses in einer sozialistischen Gesellschaft ein gewisses 
Interesse, indem es zur Beleuchtung des wirtschaftlichen Wesens des 
Zinses beitragen kann. Wir kommen in $ 27 darauf zurück. 
Die Lohnfondstheorie betrachtete das Kapital als einen bestimmten 
Fonds zur Unterhaltung der Arbeiter während des Produktionspro- 
zesses. Der Durchschnittslohn des einzelnen Arbeiters war bestimmt 
durch die‘ Quote dieses Fonds und die Zahl der Arbeiter. Bei einer 
solchen Auffassung der Funktion des Kapitals ist offenbär jede Er- 
klärung der Bedeutung der wechselnden Nachfrage nach fertigen 
Gütern oder der Wahl der Produktionsmethoden für den Zinsfuß aus- 
geschlossen. In bezug auf das Angebot von Kapitaldisposition lehrte 
die Lohnfondstheorie, ähnlich wie Smith und Ricardo, daß ein 
Sinken des Zinsfußes zuletzt das Sparen beschränken müßte, was das 
Angebot von Kapitaldisposition vermindern würde, drückte aber auch 
diesem Gedanken ihren sterilen Dogmatismus auf und gelangte so zu 
Ergebnissen, die mit wesentlichen Tatsachen des Wirtschaftslebens un- 
vereinbar waren. 
Die beiden zuletzt genannten Schulen waren auch dadurch für die 
weitere Entwicklung einer wissenschaftlichen Zinstheorie hinderlich, 
daß sie den Streit vielfach auf das ethisch-politische Gebiet hinüber- 
führten. Gegen die sozialistische Verleugnung der .Berechtigung des 
Zinses strengte sich die entgegengesetzte Seite an, den Zins moralisch 
zu rechtfertigen, und auch zwischen der Lohnfondstheorie und ihren 
Gegnern fand der Streit zum großen Teil auf moralischem und praktisch- 
politischem Gebiete statt. Darüber wurden die wahren Aufgaben der 
Wissenschaft versäumt. 
Immerhin hat auch das 19. Jahrhundert positive Beiträge zur Zins- 
theorie geliefert. Diese Beiträge liegen hauptsächlich in der näheren 
Untersuchung der Umstände, die das Angebot von bzw. die Nachfrage 
nach Kapitaldisposition bestimmen. Auf der Seite des Angebots waren 
die Untersuchungen von Bestrebungen mit veranlaßt, die den Zins durch 
das Opfer, das die Kapitalbildung den Sparern auferlegte, rechtfertigen 
70
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.