Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 171 
wollten. Der englische Ökonom Senior!) zeigte, daß ein solches Opfer 
als ein notwendiges ‚„„Produktionsinstrument‘“ zu betrachten ist und als 
solches an die Seite der Arbeit und der Natur gestellt werden muß. 
Er bezeichnete diesen Produktionsfaktor mit dem Namen „abstinence‘‘, 
ein etwas moralisch gefärbtes Wort, das einen Lassalle geradezu zur 
Verhöhnung einlud: die Idee der „Enthaltsamkeit‘“ wurde lächerlich 
gemacht durch Darstellung der großen Millionäre Europas als Asketen 
für das Wohl der Gesellschaft?). Spätere Autoren haben hervorge- 
hoben, daß die Kapitalbildung in der modernen Gesellschaft nur zu 
einem kleineren Teil von Gesellschaftsschichten getragen wird, für 
welche sie eine als Opfer zu bezeichnende ‚„„‚Enthaltsamkeit‘“ bedeutet, 
zum größeren Teil aber das Ergebnis der Rücklagen der Großunter- 
nehmungen, der Großspekulanten und der Großkapitalisten ist®). Für 
eine Tätigkeit, die unter so verschiedenen Bedingungen ausgeübt wird, 
mußte eine ethisch vollständig farblose Bezeichnung gefunden werden, 
die nur die wesentliche und einheitliche Bedeutung derselben für die 
Tauschwirtschaft hervorhob. Als solche sind im französischen „Ajourne- 
nent‘“, im englischen ‚„„Postponement‘ und ‚Waiting‘ vorgeschlagen. 
Das letzte Wort, also deutsch „Warten“‘‘, scheint dem Zweck am besten 
zu entsprechen, Der Zins ist demnach mit Rücksicht auf das Angebot als 
der Preis, welcher für das Warten bezahlt werden muß, zu betrachten. 
Wie jeder Preis muß auch dieser so hoch sein, daß er einerseits ein ge- 
nügendes Angebot hervorlockt, andererseits die Nachfrage hinreichend 
beschränkt. Der Umstand, daß auch bei einem niedrigeren Zins als dem 
bestehenden eine gewisse Menge von ‚Warten‘, also eine gewisse 
Kapitaldisposition zu haben wäre, ja daß sogar, wenn der Zinsfuß 
gleich Null wäre, gleichwohl eine gewisse Kapitaldisposition dargeboten 
werden würde, hat dabei keine Bedeutung. 
Das ‚Warten‘ besteht darin, daß man sich selbst die Verfügung 
über eine gewisse Wertsumme während einer bestimmten Zeit entzieht. 
Durch dieses Verhalten wird eben eine Kapitaldisposition für die ent- 
sprechende Zeit ermöglicht. Das „Warten“ ist also, arithmetisch be- 
trachtet, dieselbe Größe wie die Kapitaldisposition, wird wie diese 
durch das Produkt des Kapitals und der Zeit gemessen. Es ist deshalb 
für die Theorie im allgemeinen nicht nötig, beide Ausdrücke zu be- 
nutzen. Wir werden im folgenden das Wort Kapitaldisposition auch 
zur Bezeichnung des Dienstes, den die Sparer auf dem Kapitalmarkt 
anbieten, verwenden. 
Mit der Feststellung des Begriffs des „„Wartens‘ ist also der Dienst, 
!) Senior: Outlines of the Science of Political Economy, 5. ed., p. 58—60. 
2?) Lassalle: Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian, 
oder: Kapital und Arbeit. Berlin 1864. 
3) Vgl. z. B. Schmoller: Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 
11]. 1904, 5. 176-177. 
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