8 21. Zur Entwicklungsgeschichte der Zinstheorie. 473
Produktionsfaktor und die Preisbildung sowohl der dauerhaften Güter
wie der Dienste derselben als eine Seite des einheitlichen tauschwirt-
schaftlichen Preisbildungsprozesses auffaßt.
Die älteren Nationalökonomen hatten sich meistens das Kapital
als einen Existenzmittelfonds, mit welchem Arbeiter während des Laufes
des Produktionsprozesses unterhalten werden können, vorgestellt. Das
Kapital bestand also wesentlich aus den Lebensmitteln, Kleidern usw.,
die für die Arbeiter bestimmt waren. Je mehr man von solchem Kapital
besaß, je länger konnte man auf das Resultat der Produktion warten,
je effektiver konnte man also durch Anwendung von Werkzeugen und
Maschinen, durch bessere Kultivierung des Bodens usw. den Produk-
tionsprozeß gestalten. Die eigentliche Bedeutung des Kapitals in diesem
Sinne mußte also in der Möglichkeit liegen, eine Zeit zwischen Anfang
und Ende einer Produktion verlaufen zu lassen. Diese, wie es scheint,
früher ziemlich allgemeine Auffassung hat ihre schärfste Formu-
lierung bei Jevons erhalten. Er behauptet, daß der einzige Nutzen
des Kapitals darin liegt, daß es uns erlaubt, das durchschnittliche Inter-
vall zwischen dem Augenblick, da Arbeit geleistet wird, und dem, da
ihr Resultat vorliegt, zu verlängern!). Diese Verlängerung der Produk-
tionsperiode erhöht die Produktivität der Arbeit. Ist der Zinsfuß ge-
geben, kann und muß die Verlängerung der Produktionsperiode so lange
fortgesetzt werden, als die Vermehrung des Produkts, die mit Hilfe der
letzten Verlängerung gewonnen wird, die speziellen Zinsenkosten, die
diese Verlängerung veranlaßt, deckt. Der Zins, der für die Einheit der
Kapitaldisposition bezahlt wird, ist also gleich der Grenzproduktivität
der durch diese Kapitaldisposition ermöglichten Verlängerung der Pro-
duktionsperiode. Dies ist Jevons’ Zinstheorie.
Diese Theorie bezeichnet ohne Zweifel einen wichtigen Fortschritt
in unserer Kenntnis der Umstände, welche die Nachfrage nach Kapital-
disposition regulieren, leidet aber an gewissen Einseitigkeiten, von
denen wir uns befreien müssen. Zunächst ist der Jevonssche Kapital-
begriff offenbar sehr künstlich und unnötigerweise beschränkt: was
der entwickelten Tauschwirtschaft ermöglicht, eine Zeit zwischen
produktiver Arbeit und Produktionsresultat vergehen zu lassen, ist, wie
wir wissen (8 4), kein angesammelter Vorrat von Existenzmitteln,
sondern der ganze bestehende und stets fortlaufende Produktionsprozeß
einschließlich des gesamten Realkapitals, das darin beschäftigt ist,
Diesem auf einer unvollkommenen Analyse der Bedingungen eines
stetig fortlaufenden gesellschaftlichen Produktionsprozesses beruhenden
Mangel der Jevonsschen Theorie kann aber leicht abgeholfen werden,
da wir in den obigen Sätzen seinen Kapitalbegriff einfach durch unseren
Begriff der Kapitaldisposition ersetzen können.
1) Jevons: Theory of Political Economy. London 1879, p. 248. Vgl. auch
p. 242—243, wo der Kapitalbegriff festgestellt wird.