1 Kap. VI. Der Kapitalzins.
fremd gegenüber. Wenn er sich auch gelegentlich dieser Auffassung
Vielleicht etwas nähert?), hat dies den grundlegenden Charakter seines
Werkes nicht verändern können. Es ist nur selbstverständlich, daß er
unter solchen Voraussetzungen nicht imstande gewesen ist, weder in
seinen kritischen Ausführungen: ein auch nur einigermaßen richtiges
Bild derjenigen Zinstheorien, die, bei allen ihren Mängeln und ihrer
Unvollständigkeit, doch von der hier bezeichneten weiteren Auffassung
des Problems mehr oder weniger bewußt bestimmt waren, noch in
seiner positiven Darstellung eine im ganzen befriedigende und in die
Theorie der gesamten Preisbildung organisch eingefügte Lehre des
Zinses zu geben, Aber auch Böhm-Bawerks Behandlung der ein-
zelnen Seiten des Zinsproblems ist nicht sehr fruchtbar. Seine allge-
meine Formel, „die niedrigere Schätzung der Zukunftsgüter“ eignet
sich, wie wir schon oben sahen, schlecht zur Unterlage einer wirklichen
Untersuchung der gegenseitigen Abhängigkeit von Zinsfuß und An-
gebot an Kapitaldisposition. Wenn die Formel zur Bezeichnung des
tatsächlichen Zustands des Kapitalmarkts benutzt wird, ist sie eine un-
nötige und keineswegs aufklärende Umschreibung der Tatsache, daß
Zins bezahlt wird. Mit Bezug auf die Umstände, die die Nachfrage
nach Kapitaldisposition bestimmen, hat Böhm-Bawerk in der Haupt-
sache die Jevonssche Theorie mit ihren oben hervorgehobenen Mängeln
übernommen?).
Von den Verfassern, die nach dem Erscheinen meines „Nature and
Necessity of Interest“ das Zinsproblem behandelt haben, sei hier nur
Irving Fisher erwähnt. Die von Fisher neuerdings in zwei Werken?)
entwickelte Kapital- und Zinstheorie ist wieder ein Versuch, das Zins-
1) Positive Theorie des Kapitals. Dritte Auflage. Exkurs p. 246 u. folg.
2) Die 1909 und 1912 erschienene dritte Auflage der „„‚Positiven Theorie des
Kapitales‘‘ hat meine allgemeine Auffassung des Böhm-Bawerkschen Werkes
nicht zu verändern vermocht. Böhm-Bawerks Kritik meiner in „The Nature
and Necessity of Interest‘ entwickelten Zinstheorie scheint sich in der Bemerkung
zu sammeln, daß ich die Existenz einer ‚‚,Kapitaldisposition‘‘, welche als selb-
ständiges Objekt einer Kaufhandlung betrachtet werden kann, nicht nachgewiesen
habe, daß also die Auffassung des Zinses als Preis, auf welche meine ganze Dar-
stellung gebaut ist, nicht berechtigt sei. Meinerseits finde ich es eigentümlich, daß
man die Existenz einer Kapitaldisposition bezweifeln kann, die doch in Wirklichkeit
jeden Tag Gegenstand von hunderttausenden Verträgen mit Kaufsummen in
Millionen ist. Dieser Wirklichkeit habe ich meine Begriffsbestimmung der Kapital-
disposition treu angeschlossen. Ich hoffe auch, diese Begriffsbestimmung mit ge-
nügender Schärfe ausgeführt zu haben. Ich überlasse es dem Leser des vorliegenden
Werkes, zu beurteilen, ob nicht die Zinstheorie, als eine spezielle Preistheorie auf-
gefaßt und in der allgemeinen Preisbildungstheorie organisch eingefügt, leichter zu
überblicken und in ihrer Gesamtheit vollständiger zu verstehen ist als eine Zins-
theorie, die auf die sehr künstlichen Vorstellungen eines Tausches zwischen Zukunfts-
und Gegenwartsgütern zurückgreift.
3) The Nature of Capital and Income, Newyork 1906, und The rate of interest,
Newyork 1907,
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