Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VI. Der Kapitalzins. 
gleichgestellt werden. Die Auflösung des Realkapitals in elementare 
Produktionsfaktoren führt also sowohl auf das am Anfang der Periode 
vorhandene Realkapital wie auch auf die in der Periode dargebotene 
Kapitaldisposition, und außerdem natürlich auf die übrigen in derselben 
Periode zur Verfügung gestellten elementaren Produktionsfaktoren 
zurück. Die Stellung des am Anfang der Periode gegebenen Realkapitals 
oder der Dienste desselben im Preisbildungsprozeß, welche schon im 
$ 12 prinzipiell angegeben worden ist, wird durch unsere Unter- 
suchungen über die Natur der Rente ($ 23 und Kap. VII) näher klar- 
gelegt werden. 
$ 23. Der Zins als Preis. 
Unsere bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, daß die Kapital- 
disposition ein notwendiger Produktionsfaktor ist. Ob nun auch für 
diesen Produktionsfaktor etwas gezahlt werden soll, ist eine Frage, die 
nicht aus irgendwelchen ethischen oder gefühlsbestimmten Betrach- 
tungen über das Verdienstliche der Leistung der Kapitalisten beurteilt 
werden kann, sondern die ausschließlich davon abhängt, ob das Angebot 
von Kapitaldisposition auch im Verhältnis zur Nachfrage knapp ist, 
m. a. W. ob es notwendig ist, auf die Kapitaldisposition einen Preis 
zu setzen, um die Nachfrage hinreichend zu beschränken, eventuell 
auch das Angebot hinreichend anzuspornen. 
Tatsächlich wird, wie jedermann weiß, für die Kapitaldisposition 
regelmäßig ein Preis bezahlt. Dies ist Beweis genug dafür, daß in unserem 
wirklichen Wirtschaftsleben tatsächlich eine Knappheit an Kapital- 
disposition besteht. Wäre eine solche Knappheit nicht vorhanden, würde 
ganz sicher auch für Kapitaldisposition. nichts gezahlt werden. Die 
ziemlich verbreitete Vorstellung, daß in der modernen Gesellschaft 
durch übertriebene Sparsamkeit ein Überfluß von Kapital geschaffen 
wird, ist also jedenfalls unrichtig. 
Den Preis, der für die Kapitaldisposition bezahlt wird, nennen wir 
Kapitalzins oder kurz nur Zins. In Wirklichkeit pflegt der Zins oft auch 
eine Vergütung für ein stärkeres mit dem Darlehen verbundenes Risiko 
mit zu enthalten. Eine solche Risikoprämie wird nach ihren eigenen 
Gesetzen reguliert und hat theoretisch nichts mit dem Zins gemeinsam. 
Die Zinstheorie muß deshalb vom Risiko absehen, d. h. nur solche Dar- 
lehen betrachten, die vollständige Sicherheit gewähren. Nun gibt es 
wohl im menschlichen Leben nichts Derartiges wie absolute Sicherheit 
Es genügt aber, wenn wir Kapitalanlagen betrachten, wo die Sicher- 
heit so groß ist oder wenigstens so groß erachtet wird, daß das Risiko 
nicht in Betracht kommt, für dasselbe nichts bezahlt wird. In solchen 
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