& 23. Der Zins als Preis. 9
Fällen stellt der vereinbarte Zins wirklich einen reinen Zins im Sinne
der Theorie dar.
Ferner ist in Wirklichkeit der Zinsfuß verschieden, je nachdem
das Kapital für längere oder kürzere Zeit ausgeliehen wird. Die Zins-
sätze für kurze Darlehen variieren meistens viel stärker als diejenigen
für lange Darlehen. Ganz besonders trifft dies zu in bezug auf So-
genanntes tägliches Geld. So betrug der durchschnittliche Zinssatz für
tägliches Geld an der Neuyorker Börse im Oktober 1907 22,0%, in dem-
selben Monat 1908 nur 1,42%. Aber auch der Diskont zeigt starke
Schwankungen. Der durchschnittliche Privatdiskont an der Berliner
Börse im Dezember 1907 war 7,07%, im gleichen Monat des folgenden
Jahres 2,92 %. Der Londoner Marktdiskont, der 1895 ein Minimum
mit dem Durchschnittssatz von 0,8% erreichte, stieg 1907 auf einen
Durchschnittssatz von 4,53%. Im Verhältnis zu solchen Variationen
sind auch die ungewöhnlich starken Veränderungen, die im Anfang des
20. Jahrhunderts in den Zinssätzen für feste Darlehen stattgefunden
haben, sehr mäßig. Der auffallende Kursfall der deutschen 3% % Reichs-
anleihe von ungefähr Pari 1906 bis 855% im Juni 1913 bedeutet doch
nur ein Steigen des Realzinsfußes von 3% % bis etwas über 4%. In
der Periode 1896—1912 ist der effektive Zinsfuß von 10 englischen
Kommunalanleihen von ungefähr 2,7% bis auf 3,6% gestiegen‘?).
Wir werden also vor die Frage gestellt: welcher Zinsfuß soll der
Gegenstand der Untersuchung unserer allgemeinen Zinstheorie sein?
Darauf könnte man antworten, daß eine vollständige Zinstheorie selbst-
verständlich alle Arten von Zins in Betracht zu ziehen und die Bestim-
mungsgründe ihrer Höhe zu erforschen hat. Hier, wo wir uns auf eine
grundlegende Untersuchung des Zinsphänomens beschränken müssen,
scheint es angemessen, eine typische Form für den Verkauf von Kapital-
disposition auszuwählen. Dann müssen wir offenbar das langfristige
Darlehen ins Auge fassen. Die Hauptmasse der Kapitaldisposition ist
nämlich, wie wir wissen, für die Ausnutzung dauerhafter Güter, wie
Gebäude, Eisenbahnen, Wasserwerke und ähnlicher Anlagen erforder-
lich, Für solche Zwecke ist aber eine sehr langfristige, oft sogar unkünd-
bare Kapitaldisposition notwendig. Aus diesem Grunde ist der Zinsfuß
für feste Anleihen, Hypotheken, Pfandbriefe und ähnliche Papiere als
der typische Zinsfuß zu betrachten. Dabei ist nur zu beachten, daß der
betreffende Zinssatz von keinem beträchtlichen Risiko erhöht sein,
anderseits aber auch nicht von besonderen Maßnahmen zum Herab-
1) Economic Journal, Juni 1913, p. 284. Die Ursache, weshalb die effektiven
Zinssätze der ausländischen und kolonialen Anleihen in derselben Zeit viel langsamer
gestiegen sind, ist wohl wesentlich darin zu suchen, daß das Risiko dieser Papiere in
den Augen des englischen Publikums in bedeutendem Grade vermindert worden ist,
was auch wesentlich zur Erhöhung der Zinssätze für englische Anleihen beigetragen
haben dürfte, indem diese dadurch ihre frühere Monopolstellung teilweise verloren.
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