Geschichtliche Verhältnisse.
nicht möglich war, die Arbeitskräfte also, da es sich um die
Gewinnung der wertvollsten Erzeugnisse handelte, auf an-
derem Wege gewonnen werden mußten. Auch war die im
Verhältnis zu der riesigen Ausdehnung. der gewonnenen
Länder verschwindend kleine Zahl der Europäer kaum im-
stande, eine Durchdringung der eingeborenen Bevölkerung
mit ihrer Kultur durchzuführen. Immerhin hätte aber viel
mehr in dieser Beziehung geleistet werden können, wenn
nicht nur augenblicklich hoher Gewinn, sondern eine plan-
volle, im Blick auf die Zukunft ausgeführte Ausnutzung und
Hebung des neu. gewonnenen Besitzes das Ziel der Koloni-
sation gewesen wäre.
Allerdings darf nicht außer acht gelassen werden, daß
die Aufgabe, die sich die beiden europäischen Seemächte
mit der Kolonisation ihres amerikanischen Besitzes gestellt
hatten, über ihre Kräfte ging, sofern man den heutigen Maß-
stab der Kolonialwirtschaft an ihre damalige Tätigkeit an-
legen will. Sie waren vor die.Aufgabe gestellt worden, mit
einer kleinen Anzahl von Menschen die ungeheueren neuen
Gebiete mit ihrer kulturell sehr tief stehenden, teilweise
wilden Bevölkerung beherrschen und entsprechenden Ge-
winn aus dem mit großen Opfern errungenen Besitz ziehen
zu müssen. Es ist also ganz erklärlich, wenn man diesen
nur als einen Gegenstand der wirtschaftlichen Ausbeutung
unter Anwendung schonungslosester Gewalt und daneben
als ein Feld gewaltsamer Christianisierung ansah. Den Be-
griff der Ackerbau- oder Siedelungskolonien, den wir heute
in die theoretische Einteilung der Kolonien aufgenommen
haben, kannte man damals noch nicht aus dem einfachen
Grunde, weil die Bevölkerungen der europäischen Kolonial-
mächte noch keinen Überschuß aufwiesen, den man, um die
Arbeitskraft der Landeskinder dem Staate zu erhalten, in die
Kolonien hätte ableiten können. Erst die Besiedelung Nord-
amerikas durch die Engländer stellte die erste Kolonisation
in der Form der Massenauswanderung und namentlich, was
hiefür das bezeichnende ist, der.Familienauswanderung von
Europäern aus dem Mutterlande dar, die jedoch aus einem
ganz anderen als dem eben erwähnten Grunde erfolgte.
Viel später erst begann mit dem starken Wachstum der
europäischen Bevölkerung die Gründung von Ackerbau-
kolonien und die Ausgestaltung der schon gewonnenen
überseeischen Kolonien zu Siedelungskolonien durch Ab-
leitung der Auswanderung in diese Gebiete.
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