Geschichtliche Verhältnisse.
lateinisch-amerikanische Reich, als es sich am Anfang des
vorigen Jahrhunderts von seinen durch falsche Anwendung
des Merkantilismus und die Übertreibung der Monopole zu-
grunde gehenden Mutterländern loßriß, wirtschaftlich kaum
höher stand als näch der Zeit der Eroberung durch die
Spanier und Portugiesen, während an seinen Grenzen die
auf der gleichfalls fehlerhaften und engherzigen, aber doch
viel kräftigeren englischen Kolonialpolitik entstandenen Ver-
einigten Staaten von Nordamerika damals schon alle Keime
für einen großen ‚wirtschaftlichen Aufschwung in sich trugen.
Diesen Vorsprung des nördlichen Nachbars konnte der süd-
liche Teil des Kontinents, von allen anderen Verhältnissen
abgesehen, rein aus zeitlichen Gründen nicht mehr einholen.
Auf die Einzelheiten dieses Vorgehens einzugehen, ist
nicht Aufgabe dieser Betrachtung. Es genügt, darauf hinzu-
weisen, daß die. Staatenbildung in verschiedener Weise er-
folgte, indem das ehemals portugiesische Brasilien zunächst
ein Kaiserreich und erst 1889 Republik wurde, während die
spanischen Vizekönigreiche und Generalkapitanate sich so-
fort in eine große Zahl von Republiken auflösten. Nach
der Befreiung von den Mutterländern befanden sich diese
plötzlich selbständig gewordenen Gebiete in einer eigentüm-
lichen Lage. Zunächst nahmen sie schon insofern unter
dem übrigen Kolonialbesitz der Erde eine außerordentliche
Stellung ein, als alle sonstigen Kolonien, wenn sie einmal
in den Besitz einer europäischen Macht gekommen waren,
vielleicht den Besitzer wechselten, niemals aber wieder ihre
Selbständigkeit erlangten. Den lateinischen Ländern Amerikas
gelang dies, und damit traten plötzlich Anforderungen an sie
heran, zu deren Erfüllung den durch die bisherige Mißwirt-
schaft erschöpften und ohne irgendwelche Vorbildung ge-
bliebenen Staaten alle Vorbedingungen fehlten.
Wenn von wiedererlangter Selbständigkeit die Rede ist,
so darf dies nicht in dem Sinne verstanden werden, als ob
diese Staaten ganz in ihrer einfachen, ursprünglichen Form
wiedererstanden wären. Sie hatten unter den drei Jahr-
hunderten europäischer Herrschaft ihre innere Zusammen-
setzung gewaltig verändert. Die Eingeborenen waren durch
gewaltsame Vernichtung, durch harte Arbeit, der sie unter-
lagen, durch mißverstandene gewaltsame Kulturübertragung
oder Christianisierung, durch neue, von den Eroberern ge-
brachte Genüsse und Krankheiten in ihrem Bestande ge-
waltig zusammengeschmolzen und politisch ein nicht vor-
handenes Element. Aber eine neue Schicht hatte sich ge-
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