212
Kap. VI. Der Kapitalzins.
8 25. Das Angebot von Kapitaldisposition.
Das der Tauschwirtschaft zur Verfügung stehende Kapital kann
nur durch Sparen vermehrt werden. Die Natur dieses Sparens haben
wir schon kennengelernt ($ 6 und 22). Das gesamte Einkommen der
Tauschwirtschaft wird in zwei Teile geteilt. Der eine wird konsumiert,
d. h. es wird dafür Realeinkommen gekauft, welches an die Konsumtion
übergeht. Der andere Teil wird „erspart‘. Dieser Teil wird aber un-
ınittelbar zum Kauf von Realkapital verwendet, er bildet das neue
Angebot von Kapitaldisposition.
Die Summe der Ersparnisse der Einzelwirtschaften ist in der Regel
größer als dieser im objektiven Sinne ersparte Teil des gesellschaft-
lichen Gesamteinkommens. Gewisse Personen verbrauchen nämlich
in einer gegebenen Periode einen Betrag, der ihr gleichzeitiges Ein-
kommen übersteigt. Dieses Verfahren, das wir als eine „Überkonsum-
tion‘ bezeichnen können, ist das Gegenteil des Sparens. Die Möglich-
keit einer Überkonsumtion erklärt sich privatwirtschaftlich teils aus
dem Verbrauch eines eigenen Kapitals, teils aus Anleihen, die aus
späteren Einkommen bezahlt werden. Im ersten Falle wird ein Teil des
Kapitals ausgetauscht gegen das ersparte Einkommen anderer Per-
sonen, und dieses Einkommen ist es, das in Wirklichkeit verbraucht
wird. Im zweiten Falle wird ein solches Einkommen gegen eine
künftige Zahlungsverpflichtung erworben. Jeder solcher Verbrauch über
das Einkommen hinaus muß deshalb von den Ersparnissen in der-
selben Periode abgezogen werden, erst der Rest stellt die Nettosumme
der Ersparnisse der Tauschwirtschaft in der Periode, also die wirkliche
Vermehrung des zur‘ Übernahme des Realkapitals disponiblen Kapitals
dar. Diese Nettoersparnisse bilden im objektiven Sinne die Ersparnisse
der Gesamtwirtschaft, entsprechen also der gleichzeitigen Vermehrung
ihres Realkapitals. Im vorigen Paragraphen, wo wir die Nachfrage
nach Kapitaldisposition betrachteten, haben wir nur diejenige Nach-
frage berücksichtigt, die vom Produktionsprozeß in weiterem Sinne
ausgeht. Wenn wir jetzt das Angebot von Kapitaldisposition unter-
suchen wollen, dürfen. wir folglich auch dieses nur insofern berück-
sichtigen, als es dem Produktionsprozeß in demselben weiteren Sinn
zugute kommt, d. h. insofern es den Besitzern des Realkapitals zur
Verfügung ‚gestellt wird. Unter „Angebot von Kapitaldisposition““
ist also der Betrag der Nettoersparnisse zu verstehen. Beim Studium
der Faktoren, die das Angebot von Kapitaldisposition bestimmen, muß
dieses Verhältnis berücksichtigt und müssen also auch die Bestimmungs-
gründe der Überkonsumtion mit in Betracht gezogen werden.
Im ersten Buche hatten wir die Mengen der zur Verfügung stehen-
den elementaren Produktionsmittel vorläufig als gegebene Faktoren