Zu Kap. VI. Der Kapitalzins.
versicherung hat denselben Charakter. Die ganze moderne Sozialver-
sicherung ist eine erzzwungene Ersparnis von relativ guten Einkommen
zur Deckung der notwendigen Bedürfnisse in Zeiten des Mangels. Die
umgekehrte Wirtschaftsrichtung, wobei also eine Konsumtion über das
Einkommen hinaus später bezahlt werden soll, hat aber auch bedeutende
Vertreter. Wir brauchen hier nicht nur an eine leichtsinnige Verschwen-
dung geliehenen Geldes seitens junger Leute mit guten Aussichten zu
denken. Die Ausbildung der Jugend stellt eine sehr allgemeine, aber
sehr berechtigte Überkonsumtion dar, welche durch Ersparnisse später
zurückgezahlt werden kann. Die Staaten, die für laufende Ausgaben
Anleihen aufnehmen, sind die Repräsentanten einer Überkonsumtion
großen Stils. Man könnte meinen, daß die Staaten durch Erhöhung
der Steuern dieselben Ausgaben hätten machen können. Dies ist aber
oft sehr zweifelhaft. Wenn Anleihen nicht zu haben gewesen wären,
wären wahrscheinlich die Ausgaben des Staates wesentlich beschränkt
worden oder jedenfalls die Ausgaben seiner durch höhere Steuern
gedrückten Bevölkerung kleiner gewesen. Die Deckung von laufen-
den Ausgaben durch Aufnahme von Staatsanleihen erhöht also ohne
Zweifel die Konsumtion, vermindert folglich die Ersparnisse der Ge-
samtwirtschaft, wirkt also wesentlich in derselben Weise wie die
Überkonsumtion irgendeiner Privatwirtschaft. Die Rückzahlung
solcher Staatsanleihen beschränkt natürlich die Konsumtionskraft der
Steuerzahler, stellt aber gleichzeitig Mittel zu neuer realer Kapital-
bildung frei.
Der allgemeinste Beweggrund zum Sparen ist ohne Zweifel das
Gefühl der Notwendigkeit für die Zukunft zu sorgen. Für die reine
Konsumtionswirtschaft muß es als wünschenswert erscheinen, für
Zeiten, da die Einkommensquellen versiegen, Mittel zur Deckung der
gewöhnlichen oder wenigstens der notwendigsten Ausgaben zurück-
zulegen. Dabei muß nicht nur im allgemeinen die Unsicherheit des
wirtschaftlichen Lebens berücksichtigt werden, sondern speziell auch
für das Alter und in gewissem Umfang auch für die Hinterlassenen ge-
sorgt werden. Diese Lust zum Sparen, um für die Zukunft zu sorgen,
ist aber notwendig begrenzt. Eine durch verstärkte Fürsorge für die
Zukunft erliöhte Sparsamkeit der modernen Gesellschaft ist wesentlich
nur insofern zu erwarten, als die Spargewohnheiten der oberen Klassen
auch in den unteren Verbreitung finden. Dies ist aber sicher ein
sehr langsamer Prozeß. Lange noch wird wahrscheinlich jede Er-
höhung der Einkommen der unteren Klassen zum weitaus größten
Teil einer sehr dringlichen Verbesserung der Lebenshaltung gewidmet
werden.
Außer dieser rein persönlichen Fürsorge für die Zukunft, die die
Konsumtionswirtschaften zu Ersparnissen veranlaßt, gibt es aber auch
eine Fürsorge für den Bestand des produktiven Betriebs, des Unter-
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