Full text: Theoretische Sozialökonomie

_ Kap. VI. Der Kapitalzins. 
Trägheit des Geistes und eine pathologische Abmagerung des Gemüts- 
lebens beschrieben werden kann, ist gewiß nicht die einzige Erklärung; 
das Streben nach dem Glanz und der größeren Stellung in der Gesell- 
schaft, die der bloße Besitz eines großen Reichtums verleiht, der Reiz 
des Neids anderer Menschen, aber auch die gesunde Freude des tat- 
kräftigen Mannes an der erfolgreichen Arbeit, am Gelingen als solchem, 
an der Beherrschung großer Massen, überhaupt am Einfluß, das sind 
alles Faktoren, mit denen wir in diesem Zusammenhang zu rechnen 
haben. 
Die hier betrachtete Begier nach Vergrößerung des Vermögens ist 
natürlich unersättlich, da kein Vermögen für solche Motive groß genug 
ist. Von anderen Seiten ist jedoch diese Kapitalbildung begrenzt, näm- 
lich erstens vom Einkommen der betreffenden Klasse und zweitens von 
ihrem Verbrauch. Der steigende Luxus der Reichen macht ihr Leben 
immer teuerer und vermindert entsprechend ihre Möglichkeiten zu 
sparen. Jedoch wird der Spargrad also die Quote zwischen Erspar- 
nissen und Gesamteinkommen, in der reichen Klasse wesentlich höher 
sein als in den übrigen, und der absolute Betrag der Ersparnisse der 
Reichen einen sehr bedeutenden Teil der gesamten Kapitalbildung der 
Gesellschaft bilden. Die gesamte Kapitalbildung ist deshalb in ge- 
wissem Maße von der Einkommensverteilung der Tauschwirtschaft ab- 
hängig. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde eine mehr demokratische 
Einkommensverteilung den Spargrad der Gesellschaft nicht unwesent- 
lich herabsetzen. Besonders würde dies der Fall werden, wenn die Ein- 
kommenssteigerung wesentlich der eigentlichen Lohnarbeiterklasse zu- 
gute kommen würde. Die neueste Entwicklung der Einkommens- und 
Vermögensbesteuerung in der Richtung einer immer schärferen Pro- 
gressivität bedeutet ohne Zweifel eine sehr beträchtliche Schwächung 
der Kapitalbildung der Gesellschaft. 
Unsere Betrachtungen zeigen, daß jedenfalls kein Grund zur 
Annahme einer stets fortschreitenden starken Steigerung der Er- 
sparnisse im Verhältnis zum Einkommen der Gesellschaft vorhanden 
ist. Die ziemlich verbreitete, auch in der wissenschaftlichen Literatur 
vertretene Ansicht, nach welcher die Kapitalbildung der modernen 
Gesellschaft eine so gewaltige Kraft besäße, daß sie früher oder später 
den wirklichen Bedarf weit übersteigen müßte, findet keine Unter- 
stützung in einer nüchternen Analyse der tatsächlichen Verhältnisse, 
Absolut steigt natürlich die jährliche Kapitalbildung, aber aller Wahr- 
scheinlichkeit nach nicht schneller als das Einkommen, also auch nicht 
schneller als die Produktion und die Ansprüche, die diese auf Kapital- 
disposition stellt. 
Fragen wir uns nunmehr, welchen Einfluß der Zinsfuß auf die 
Kapitalbildung ausübt, so finden wir, daß meistens a priori angenom- 
men wird, daß die Spartätigkeit ein Opfer ist, das mit einem gewissen 
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